Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Welche Lust, all' dies aus erster Hand zu genießen, so mit dabei zu sein, wenn Gottes Segen eingebracht wurde von der fruchttragenden Erde. Auf den Feldernstand schon in Garben und Mieten das Getreide, und wenn wir im Abendsonnenschein hinausgingen, um roten Mohn und Kornblumen zu pflücken, dann zog beglückende Sommerlust durch unsere jungen Herzen. Der Odem des Reifens aber machte mich empfänglicher für alles Erschaute und Erlebte, und so auch trat Mirele, inmitten der fröhlichen Scharen, die das Landhaus jetzt belebten, mir deutlicher in die Erscheinung. Von ihrer geheimen Vorliebe füv deutsche Gedichte hatte meine Schwester mir schon erzählt. — Wo sie eines Buches habhaft werden konnte, nahm sie es an sich, und durch unermüdliche Leseübungeu hatte sie es so weit gebracht, um ziemlich geläufig lesen zu können. Sie las laut vor sich hin, wenn sie sich unbeobachtet wußte, und das war sie stets, weil es zu den größten Annehmlichkeiten des Lebens dort gehörte, das jeder ungebunden, ganz nach eigenem Belieben, seine Zeit hinbringen konnte. Nur die Mahlzeiten vereinigten in den verschiedenen Hausständen die Zugehörigen, oder weite Ausflüge, Waldstreifereien, Fußtouren in die benachbarten kleinen Judendörfer, und Besichtigungen der Bahnbauten, zu denen die dabei beschäftigten deutschen Ingenieure uns auf ihren Treszinen Mitnahmen. Der Bau der Warschau-Wiener Bahn ging damals seiner Vollendung entgegen. Das war nun das interessanteste, so auf den Schienen dahin zu fahren, ohne Lokomotive und Dampf. Geführt von den Herren der Strecke, und wir kamen uns ungeheuer wichtig vor, so unmittelbar den Bau besichtigen zu können und fortschreiten zu sehen- So als wenn wir es wären, die direkt dabei beteiligt sind. Die männliche Jugend fühlte sich wie verantwortlich für die Anlage dieses wichtigen Verkehrsweges, und da die liebenswürdigen Herren es an Erklärungen und Ausführungen nicht fehlen ließen, war es eine der liebsten Zerstreuungen, so in den offenen Treszinen dahin zu fahren durch die abendliche Luft. Solche Fahrten wurden meist in den späten Abendstunden