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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Mirele
Date
1917-01-01
Page
Seite 171 (sequence 1)
Language
German
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Mirele. Erinnerungen von.Ulla Wolff-Frank. t as Haus stand weiß und langgestreckt an der Land-' straße. Ganz einsam. Es hatte etwas königliches an sich und imponierte uns sehr, obwohl wir uns kaum Rechenschaft darüber hätten geben können, denn wir waren noch zu jung, um die Dinge anders, als durch die Gefühlssphäre zu sehen, weder durch Kritik, noch durch bewußtes Urteil beeinflußt. Das Haus imponierte uns eben, noch unter der Schwelle des Bewußtseins. Es war weiß und langgestreckt und einsam, und ehe wir es betraten, empfanden wir es königlich. Unter „König" haben wir uns sicherlich einen stolzen Mann mit Krone, Szepter und Schwert vorgestellt, und nun trat uns an der Hausflurtür ein-etwas gebückter Mann entgegen, mit einem Seidenkäppchen auf dem Haupt, das mit einer Krone auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit hatte, aus ein Paar gütigen Augen, uns anblickend, mit einem unbeschreiblich freundlichen Lächeln um den Mund, und einem Ausdruck jovialem Wohlwollens im Gesicht. In der Hand hielt er eine lange Tabakspfeife, die mit einem Szepter keinerlei Vergleichspunkte bot, und was das Schwert anbelangt, so steckte es jedenfalls in einer unsichtbaren Scheide, denn wir konnten nichts davon bemerken. Aber als er uns begrüßend sagte: „Loruoll habo! willkümmen bei uns und laßt es euch wohlgehen ünter meinem poscheten Dach", da wurde das Gefühl des herrschenden in uns ganz lebendig, obwohl wir wußten, das „poschet" schlicht, bescheiden, einfach bedeutete. Dieser alte Mann, mit der Krone eines seidnen Käppchens, dem Szepter einer Tabakspfeife und dem unsichtbaren Schwert hatte etwas Souveränes. Ein Eindruck, der sich verschärfte, als wir von ihm geleitet^ das Innere des Hauses betraten.

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