Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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114 bald als einen sehr liebenswürdigen werden kennen lernen. Er ist zwar ein Jurist, liebt aber Philosophie und Mathematik mit aller möglichen Wärme und hat beides bei uns mit Eifer, und wie es mir scheint, mit Nutzen getrieben. Ich getraue mir kaum, um nicht eitel zu scheinen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich ihn liebe. Doch Sie werden ihn kennen lernen. Ich habe bisher dem Spiel, welches Ihre Vorrede zum Manasse veranlaßt hat, und das für Sie ein etwas grausames ist, mit Interesse, aber auch nicht ohne Verdruß und Kummer zugesehen. Ich habe hundert mal im Sinne gehabt, mich hereinzumischen, wenn ich Ihre Gesinnungen gewußt hätte, um den Proselytenmachern Wahrheiten und zwar starke zu sagen, die sich besser von dem Zuschauer als dem Leidenden selbst sagen lassen. Wenn Sie mir doch darüber Ihre Gesinnungen schreiben wollten. Sie wissen ja, mein teuerster Freund, daß Ihr Interesse das meinige, und daß Ihre Ruhe die meine ist. Vielleicht fühlen Ihre andern Freunde nicht alles so wie ich es fühle. Herr Nicolai wird Ihnen doch in meinem Namen ein Exemplar von meinem „Amyntor" gegeben haben. Wenn es Ihre Zeit zuläßt, schreiben Sie mir doch einige Anmerkungen darüber. Daß das Ding zu wenig Interesse hat, fühle ich wohl, zu wenig für das Herz des Lesers, der sich bloß vergnügen will, zu wenig für den Leser, der denken will. Aber wenn ich die abenteuerliche Idee faßte, beides miteinander verbinden zu wollen, so entstand ein solches Ungeheuer, wenn ich es aber auch nicht gewollt hätte, so würde ich wohl gemußt haben; ' denn Sie wissen gewiß, wie leicht ein Grübler der Untersuchung folgt, wenn er dem Interesse des Herzens folgen sollte. Ich nage jetzt an einem trockenen Lehrbuch der Ästhetik, aber leider muß ich es auf der Post schreiben. Denn verschiedene Studenten haben Unterricht darüber von mir verlangt, und ich habe mich entschließen müssen, die Bogen so drucken zu lassen, wie ich sie zu meinen Vorlesungen brauche. Sie werden es bald sehen, und