Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
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94 'Wäre zu lesen. Sie trauen mir doch wohl Eifer für die Wahrheit oder, wenn Sie wollen, feinere Eigenliebe -genug zu, um versichert zu sein, daß ich den strengsten Tadel, der mir zu weiteren Einsichten Hilft, weit lieber lese als fades Lob hingewörfen, ohne Beweis, wie es bisweilen geschieht. Ich schließe mit der aufrichtigen Versicherung, daß ach Sie von ganzem Herzen liebe. Ein Vergnügen, das ich mir schon oft gewünscht habe, wird der Überbringer dieses Brieses genießen. Er weiß es zu schätzen, das Vergnügen, Sie persönlich kennen zu lernen. Denn seine Freude war außerordentlich, da ich ihm sagte, daß ich einen Brief 'an Sie ihm mitgeben würde. Es ist ein hiesiger junger Theologe, den die theologische Fakultät nach Berlin schickt, die Anstalten der Realschule sich begannt zu machen, um ihn dermaleinst im hiesigen Waisenhause gebrauchen zu können. Wenn Sie mein Gesicht sehen sollten, würden Sie ohne Zweifel die freundschaftlichsten Bewegungen des Herzens, die ich gegen Sie empfinde, darauf erkennen. Da Sie nur einen Brief von mir lesen, kann ich zur Erleichterung meines Herzens weiter nichts tun, als daß ich Sie nochmals versichere, daß ich Sie liebe wie Freunde sich lieben, die auf einem langen einsamen Wege — nein, ich will keine wortreiche Beschreibung machen, die Ihnen verdächtig sein könnte. Ich liebe Sie, weil Sie ein liebenswürdiger Philosoph sind. Gott lasse es Ihnen immer wohlgehen. Ich verharre mit vollkommenster Ergebenheit Ihr Freund und gehorsamster Diener ' Feder. Göttingen, den 30. März 1769., Drei Schreiben von Mendelssohn an Michaelis sind in den Schriften Band 5, S. 311 fg, 499 ff und £04 ff gedruckt. Sie beziehen sich aus Mendelssohns Briefe über die Empfindungen, auf seine Psalmenübersetzung und seinen Kommentar zum Prediger.