Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5676
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 jämmerlich, in einer Stadt verboten die Militärbehörden den Juden den Handel mit Brot, weil sie sich geweigert hatten, am Sabbat Handel zu treiben. Der Semstwo- Bund unterhält Speisehallen; da deren Leiter sich den Juden gegenüber feindlich verhalten, bleiben diese ihnen fern, nur solche Juden wenden sich an sie, die unmittelbar vor dem -Verhungern stehen. Die Juden werden zwar überall zur arbeitsfähigen Bevölkerung gezählt, die keine Unterstützung erhält, aber tatsächlich von den meisten Arbeiten ausgeschlossen. Man zwingt sie ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Gesundheit zu Arbeiten auf den Landstraßen, Eisenbahnen, zur Straßen- und Kloakenreinigung, aber diese Arbeiten werden nicht bezahlt. Bei entlohnten Arbeiten werden die massenhaft sich anbietenden Juden einfach ab gelehnt. Alle dem Semstwo-Bunde zugehenden Berichte bestätigen, d aß die Juden keine Arbeit scheuen, um ihr Leben zu fristen, aber „aus Gründen rein örtlicher Natur"' ist es nicht möglich, den Juden Arbeit zu verschaffen. Vom billigen Einkauf der Lebensmittel in „Konsumgeschäften" sind die Juden ebenfalls durch direkte Verbote oder Chikane der Verwalter ausgeschlossen. Kurz, der Semstwo-Bund sieht sich genötigt, gegen die Leiter seines Hilfswerks in Galizien, d. h. gegen seine eigenen Beamten, Stellung zu nehmen. Vergleichen wir damit die Lage der Juden in den von den Mittelmächten okkupierten russischen Gebietsteilen! Gewiß herrschen auch hier Not und Elend, aber die neue Verwaltung arbeitet rastlos daran, die Kriegsfchäden zu heilen, das Wirtschaftsleben, soweit die Verhältnisse es zulassen, wieder in Gang zu bringen, die Folgen der alten Wirtschaft zu beseitigen und das Land kulturell zu heben. Dabei wendet sie ihre Fürsorge allen Einwohnern ohne Unterschied zu mit dem Bestreben, die alte Zwietracht zwischen den verschiedenen Nationalitäten zu beseitigen, sie zu gemeinsamem Wirken im Interesse ihrer Heimat zusammenzuschließen. Es ist bekannt, in welchem Elend die russischen Behörden die okkupierten Provinzen zurückgelassen haben,