Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Wo ist Wahrheit?
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
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246 Dann strahlet aus dem Spiegel-Gottes Bild!' Doch ist der Spiegel trübe angehaucht, Von Erdenschlamm besteckt, dann wird er blind. Zwar nicht ganz blind, er zeigt noch Berg' und Täler, Und spiegelt wieder Sonn- und Sternenpracht, Doch Gottes Bild kann man darin nicht schauen. Wirst du nun fragen, ob denn wahr es sei, Daß jeder Mensch den Gottesspiegel trage, Da doch von tausend, abertausend Seelen Kaum eine widerstrahlet Gottes Bild? Wenn Tausende von Spiegeln trüb' geworden. Und einer nur bewahrt die lichte Klarheit, Daß drin erglänzt des hohen Schöpfers Bild, So kündet dieser eine klare Spiegel Doch nur, daß jene andren — trübe sind! Und doch nicht etwa, daß der Spiegel fehle In andren Seelen! — Glaubst du nicht, mein Sohn? O Rabbi, sprach der Jüngling tief errötend, Ich weiß die Antwort, kann nun selbst sie geben: Wenn abertausend Köpfe Gott verleugnen. Doch ein Herz Gott fühlt, dann ist er! — Zeigt eine nur von tausend Seelen Gottes Bild, Dann ist's in allen andren auch, wenngleich verhüllt.