Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Wo ist Wahrheit?
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wo ist Wahrheit? Von Henriette Hirschberg. fu einem weisen Mann in Juda kam, Ein Jüngling einst, den schwerer Zweifel plagte. Wie ist es möglich, Rabbi, frug der Schüler, Daß Gott den Menschen schuf in seinem Bilde? Da doch sind tausend, abertausend Menschen Nur Schwelger, Prasser, eitle, müß'ge Seelen, Dem Laster fröhnend und die Tugend fliehend. Und selten nur ein weiser Mann, gleich Euch, Uns Kunde gibt, daß Gott im Menschen wohnt. Sind jene andren tausend, tausend Seelen Denn auch geschaffen Ebenbilder Gottes? Sie höhnen frech und reden: Gottes Dasein Sei in der Welt so ganz und gar nicht sichtbar! Wo ist nun Gott? und wie gleicht er den vielen? Hör', Sohn, ein Märchen an, sprach sanft der Greis, Eh' deiner Frage ich die Antwort gebe. Wenn hier auf Erden wird ein Kind geboren, Dann stellet in die neuLrschaff'ne Seele Gott einen Spiegel, hell und leuchtend klar. In diesem Spiegel soll die Welt erglänzen Mit allen Dingen, Bergen, Tälern, Auen, Mit Tier und Pflanze, Sonn' und Sternenschein. Jedoch des Spiegels höchste Gabe ist, Daß, wenn nicht nur im neugebornen Kinde, Nein, wenn im Jüngling, wenn im Mann, im Greis Er hell sich zeigt noch und krystallenrein,'