Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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235 - Ach, geht mir doch mit eurer Mär, wir Juden verstünden die Natur nicht! Ich habe jeden Sonnenaufgang wie ein Begnadetsein empfunden und jede Blumenwiese wie ein buntes Glück. Es gab ja so viel Land dort draußen zwischen Dorf und Stadt, das niemand zu eigen, als dem König. Und den kümmerte es weiter nicht, wenn zwei schmutzige Judenkinder von halb galizischer Abstammung sich's Wohl sein ließen auf seiner deutschen Erde — genau so, als wenn sie ganz dazu gehört hätten. Denn in Deutschland waren wir längst wieder. Es gab da doch weniger als im Osten, Mitbewerb von Existenzen gleich den unseren. Und einmal — kamen wir in eine Seestadt. Im Getriebe eines Marktes, zu dem wir schaugierig drängten, fand ein kinderloses reiches Paar Gefallen an dem Schwesterchen. Sie, die ältere, elfjährig nun, war dunkeläugig und feingliederig herangeblüht. Auf dem braunen Gelock ein Schimmern, als wäre kein Wanderstaub und nur das Sonnengold der Straßen ihr anhaften geblieben. Wie vernarrt waren die^hochangesehenen alten Leute in das Kind. Ob wir dableiben wollten? In der freien Hansastadt gelte ein anderes Recht, und niemand werde die Mutter hier sortweisen. Ob wir dableiben wollten? o Himmel! Ein Verwalter wurde beauftragt, in einem der vielen Häuser, die Jener Eigentum, uns eine Wohnung anzuweisen — ganz frei, ohne jeden Zins. Nun, der Verwalter, geiziger als sein Herr, suchte zwar eine aus, für die freiwillig kaum jemand Miete gezahlt hätte; und der alte Herr in feinem vornehmen Villenviertel hat wohl niemals einen Blick in dieses Elendsquartier getan. Aber uns — uns erschien sie wie ein Märchenschloß. Ob einer von euch glücklichen Menschen hier verstehen kann, wie das war, als wir Kinder den ersten Morgen dort erwachten? Im Traum vielleicht noch von dem ge- H