Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Nein, nein, das ging nicht. Die ganze Sippschaft wehrte sich verzweifelt. Noch mehr Hungerleider trug das Städtchen nicht. Wer wollt's der am eigenen Lebenskampf zermürbten Lumpenbagage verdenken! Sie ließen den Ankömmlingen kaum ein paar Tage, sich zu erholen, ihre Kleidung zurechtzuflicken — weiter mußten sie, zurück in WinterMrm und Kälte mit dem wimmernden Säugling. - Aermer innerlich, als sie gekommen, denn nun war auch der Schatten eines Zieles geschwunden. Kreuz und quer durch Galizien, durch die Balkanländer— weiter! weiter! Jahre — meine Kindheitsjahre! Zart, hülfsbedürftig, — wie die jungen Pflänzlein anderwärts umhütet und umsorgt werden! — in Wind und Wetter wir herumgezerrt, das Schwesterlein und ich. Schlaftrunken mitten in der Nacht herausgerissen, wenn die Fahrpost, — und das war nur in guten Zeiten möglich — an ihrem Ziel angelangt, das für uns keins sein durfte, weil zufällig am Ort keine Juden geduldet wurden. Nun, wir waren's ja aus dieser Erde nie anders gewöhnt gewesen und weinten uns auf dem Lumpenlager irgend eines gastlichen Zigeunerwagens bald wieder in Schlaf. Nur, wie mein Vater das ertragen konnte! der in reinlichen, geordneten Verhältnissen aufgewachsen, das schien mir in klügeren Jahren oft unerklärlich. Und doch, trotz alledem und alledem — es war in diesem Manne etwas von jenem alttestamentarischen Zutrauen in die Fürsorge, und liebevolle Führung seines Gottes, das auch in den elendesten Momenten mit fast abergläubischer Sicherheit von der unmittelbar bevorstehenden glücklichen Wendung seines Schicksals überzeugt blieb. Ganz unglaublich auch dünkt mich abtrünniges Weltkind heute, daß dieser Mann, dem seine und seiner Familie ganze bürgerliche Existenz längst zu allen Teufeln, dem jedes stolze Pevsönlichkeitsgefühl von tausend De-