Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3111067-3111104-3116912--5412-3117170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
229 das nun einjährige Kind auf dem Arm tragend — davonwanderten: und seine Kinder werden Wohl „Judenpack! Judenpack!" hinter ihnen herschreiend, sie bis an die nächste Straßenecke begleitet haben. - Ost hat die Mutter erzählt, das sei das Schwerste gewesen. So oft sie auch später herumgehetzt worden — so schwer ist ihr das Davongehen nie wieder geworden, wie damals, da sie dis Verwaiste, Heimatlose zum ersten * Mal die werdende Heimstätte in Nichts zerbröckeln, zerstückeln sah. Nach Galizien wollten sie; es lebten ihr noch Brüder und Schwestern dort. Eisenbahnen gingen nicht in jener Zeit. Und selbst bei der gewöhnlichen Fahrpost hätten sie ihre geringen Spargroschen bald aufgebraucht- Aber der Vater wußte Bescheid von ehedem. Jede Gemeinde, froh das durchziehende Volk los zu werden, chalf ihnen fort bis zur nächsten. Monate lang. Wenn der Tag sich neigte, bevor sie die neue Herberge erreichten, nahm wohl irgend ein mitleidiger Bauersmann die müde Frau, deren wundgelaufene Füße die Last des Leibes wicht mehr zu schleppen vermochten, in seinen Planwagen. Bis in eine Stadt, nahe der Grenze, gelangten sie noch. Da brach die Frau zusammen. Meine Herren, der dort aus der geflickten und schmutzigen Matratze des jüdischen Armenhospitals von der Frau des herumziehenden Schnorrers geboren wurde: Las war ich! - Bitte, behalten Sie Platz! Diese weichen Klubsessel, in denen ich die Ehre habe, die Auserlesenen dieser vornehmen Stadt zu bewirten, sind in redlichster Arbeit erworben; nur muß ich selbst jedesmal, ehe ich mich darauf niederlasse, erst das Spukbild jener Matratze verscheuchen. Die Frau darauf, entkräftet von der langen Wanderschaft, hatte keinen Tropfen Milch für mich in ihren welken Brüsten. Sie sehen, der dünne Fencheltee,