Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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22S die junge Frau, die bereits ein zweites Kind unter ihrem Herzen fühlte, Vorladen; sie müsse die Stadt verlassen, sie wäre Ausländerin, lebe mit Einem zusammen, der zwar staatsangehörig, nach hiesigem Recht aber nicht ihr Ehemann wäre. Mit was für erstaunten, entsetzten Augen mag Wohl die Gescholtene ihn angestarrt und gesagt haben: Ein jüdisches Kind lebt mit keinem fremden Mann. Wir sind regelrecht getraut. Sogar ein Papier könne sie vorlegen, es sei alles ausgeschrieben und in Ordnung. Das Papier fand sich auch; aber in hebräischer ' und galizisch-polnischer Sprache abgefaßt, konnte niemand es lesen. „Hätte innerhalb vier Wochen nach der Hochzeit von der Behörde hier Landes beglaubigt und rechtskräftig gemacht werden müssen; hätte jetzt keine Gültigkeit mehr", schrieb der Gerichtsdolmetsch aus der Kreisstadt zurück. Was sollte da die arme Mutter machen?" — Arno Arnold fuhr sich mit den wohlgepflegten Händen durch sein erstaunlich volles, nur leicht angegrautes Haar; ehemals dunkelblond, ließ es kaum den Juden in ihm vermuten. Ebensowenig semitisches Gepräge zeigten seine Gesichtszüge. Und in dem etwas englisch gefärbten Akzent seiner kultivierten Sprache, klang, was er hier erzählte, seinen Hörern, den bevorzugten Standesherrn aus dieser urdeutschen Stadt, doppelt fremd und seltsam unglaublich in die Ohren. „Jawohl, meine Herren, der man da mit einem Federzug Heimat und Frauenehre raubte, das war — meine Mutter! und das entrechtete Kind unter ihrem Herzen war ich! Ein benachbarter Krämer, der sich durch den aufblühenden Handel der Eltern geschädigt glaubte, hatte ihnen die Geschichte eingerührt. Er hat wohl händereibend daneben gestanden, als man Stück um Stück der mühselig zusammengescharrten Wirtschaft aus dem Hause trug; als sie mit dem geringen Erlös — der Mann das Nötigste in einem Bündel auf dem Rücken, das Weib,