Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Die Eisenbergers
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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— '254 -Sie haben großen Respekt vor ihn: und man könnte fast -sagen, sie lieben ihn, soweit dies überhaupt denkbar ist, in dem Verhältnis in dem die Arbeiter up to dato zu den Arbeitgebern stehen. Dabei stammt er aus einem alten Adelsgeschlecht, wo zwischen Herrn und Diener noch gute patriarchalische Sitte herrschte ..." „Das ist sehr merkwürdig . . sagte der Generalkonsul nachdenklich. ,,Ja, wirklich! Der alte Baron von Rettlinghausen sagt heute noch: na, Johann, wie wärs? wenn er seinem Kutscher bedeuten will, daß er aussahren möchte. Sein Sohn wendet nur die Präzise Form des Befehlens an, allerdings freundlich und höflich, aber kategorisch. Er hält auf strenge Disziplin und verlangt von seinen Arbeiterscharen die militärische Exaktheit und das Verantwortungsgefühl in schwerer Arbeit stehender Menschen. Das ist in den Bergwerken von höchster Wichtigkeit, wo durch das geringste Versehen das größte Unheil entstehen kann. Aber sie wissen, daß es um sie geht, nicht um ihn! Furchtlos und mutig geht er allen voran, keine Gefahr scheuend, neben ihnen steht er auf den gefährdetsten Posten und erwarb dadurch ihr Vertrauen in so hohem Maße, daß er in Zeiten drohender Streikbewegungen auf sie einwirken konnte, trotzdem er zu den Arbeitgebern gehörend, eigentlich ihr Gegner war. Man schenkte dieser Einwirkung seiner Persönlichkeit einen aufmerksamen Blick, und wußte seine Verdienste auch nach dieser Hinsicht richtig einzuschätzen. Aber es fehlte, wie dies bei sich rasch und eigenartig entwickelnden Karrieren leicht der Fall ist, auch nicht an Neidern, die behaupteten, er fraternisiere mit den Arbeitern, zu deren Schaden zum Vorteil des Unternehmens. Er täusche ihren berechtigten Ansprüchen soziale Utopien vor, um sie geduldig und nachsichtig zu machen, er spiegelte ihnen Möglichkeiten vor, deren Verwirklichung er als niemals ausführbar kannte, er zähme ihre Streitbarkeit durch Freundlichkeit und ein scheinbares Sichidentifizieren mit ihren Interessen, während in Wahrheit nur ein einziges, großes Interesse der Hebel seines Handelns sei: Die