Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 18 (1915)
- Article
- Die Eisenbergers
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111102-3116607--5083-3116830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
197 hier sitzen, ich bring derweil ä paar Stiefel mit neue Absatz' zum Herrn Rabbiner. Ich Hab' se erst morgen hinbringen sollen, nu wer ich sie sofort hinbringen und Lei die Gelegenheit den Row fragen, was is ä Epizier? Der weiß alles! Auch spanisch. Warum soll er nicht wissen, was ä Epizier is? Ich bin awadde auch neigierig . . Er ging gemächlich nach dem gegenüberliegenden Häuschen, verschwand im Keller und kam gleich wieder mit den in ein Zeitungsblatt des „Oberschlesischen Wanderers" eingepackten Stiefeln. Mit einem Kopfneigen empfahl er sich stumm von dem Ehepaar und schritt langsamen Schrittes der Behausung des Rab- Liners zu. „Eilig hat's Saul Flickschuster nicht mit 'n Epiziehr", agte Frau Sarah, „wenn er nur das Wort nicht vergeßt, bis er ähinkommt." „Vergessen wird er nichts, denn Saul Rappaport ä feiner Kopf, man sagt sogar ä Philosoph, und die vergessen nichts und wissen nichts und gehen langsam “ „Ah so! Darum hat er auch nicht gewußt, was ä Epizier ist?" „Vielleicht is es der Kaiser von de Franzosen!" „Hat vielleicht Napoleum gespart? Leben sollst Du mir bis hundert Jahr!" „Wer'n mer wissen, wenn er zurückkommt." Und nun versanken die beiden in ein nachdenkliches Stillschweigen. Hand in Hand saßen sie da, unwillkürlich sich eins auf das andere stützend, wie ihr Lebenlang, und in innerster Erregung harrten sie des Bescheides, den der Flickschuster bringen sollte. Eisenberger hatte das Käppchen aus der Stirn geschoben, damit der leichte Abendwind ihm Kühlung bringe. Es ganz abzunehmen verbot ihm das Gesetz Israels, und Frau Sarah hatte die lila Bänder ihrer schwarzen Spitzenhaube ebenfalls gelöst. Beiden war heiß geworden vor Aufregung, und in höchster Spannung sahen sie der Entscheidung entgegen, was ein Epizier ist, und wieso, ausgerechnet, Josef Eisenberger einer war. So was war ihnen noch nicht vorgekommen. Sie blickten in den Abendsonnenschein des sinkenden