Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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207 „Hast Du ihn gehen lassen?" Der alte Mann weist stumm auf die Tür des Nebenzimmers. Wieder liegt sie eine Weile stumm da; dann sagt sie mit matter Stimme: „Er soll hereinkommen!" „Du sollst hereinkommen!" sagt der Vater halblaut ins andere Zimmer hinein. Als der Sohn leise auf den Zehen eintritt, leuchtet's in dem Auge der Mutter freudig auf. „Nimm Dir 'n Stuhl her", wünscht sie. Der Sohn stellt den Stuhl ans Bett und setzt sich. Er solle näherrücken, bedeutet ihm die Mutter, und dann nimmt sie seine Hand in die ihrige und streicht liebkosend darüber. Auf die wiederholte Frage des Sohnes, wie es ihr gehe, antwortet sie immer: „Gut, mein Sohn, gut!" und hält seine Hand krampfhaft fest, als fürchte sie, ihn wieder zu verlieren. Der Vater geht indessen innerlich erregt auf und ab, bisweilen dehnt er seine Gänge auf die Borderstube aus. Die sich jetzt häufiger einstellenden Ohnmachtsanfälle feiner Frau, die plötzliche Rückkehr seines Sohnes hatten den alten Mann bis ins innerste Herz aufgeregt. Er wußte nicht, sollte er seiner Frau böse sein ob ihrer Zärtlichkeit, oder sollte er ihr beipslichten. Jetzt, da er den Sohn vor sich sah, wollte auch in ihm das Vatergefühl aufwallen, und wie Neid kam es über ihn. daß seine Frau den Sohn liebkosen konnte. Wenn ihm dann aber wieder in den Sinn kam, was der Sohn, sein einziger Sohn, ihm angetan hatte, dann stieg es ihm bitter vom Herzen auf, und am liebsten hätte er mit der Frau schelten mögen, die diesemMenschen noch dieHand streichelte. Ällmählich wurde es Frau Süßklang besser, und sie erklärte, es sei ihr jetzt ganz gut; sie wolle aufstehn, die Männer sollten solange in die Vorderstube gehen. Wieder ging der alte Mann auf und nieder, und der Sohn stand am Tische, als wenn er erwartete, daß der Vater zu ihm sprechen würde.