Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Hofrat Professor Dr. David Heinrich v. Müller
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111100-3116301--4745-3116486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
154 ergab sich, daß die 12 Tafelgesetze des ältesten Rom durch Vermittelung der Griechen ebenso aus jener altsemitischen Quelle stammen. Wie das Buch über die Propheten, so wirkte auch diese grundlegende Arbeit bahnbrechend, indem sie, abgesehen von den eben erwähnten Ergebnissen in bezug auf die Bibelkritik, ganz ungeahnte Perspektiven für die Rechtsgeschichte eröffnete und vor allem auf den bisher unterschätzten oder gar nicht gekannten Einfluß des semitischen Rechtes auf den Ausbau des griechischen resp. syrisch-römischen Rechtsbuches hinwies. Dank dieser fruchtbaren Anregung sind bereits eine Reihe trefflicher Arbeiten über diesen Gegenstand von seinen ehemaligen Schülern: Aptowitzer, Freund, Koscharek und Schorr erschienen. Indessen setzte Müller seine Arbeiten auch auf dem Gebiete der Arabistik wacker fort. Im Jahre 1898 unternahm er nämlich eine Erforschungsreise nach Südarabien und Socotra, deren Ergebnisse er in dem dreibändigen Werke ״Die Mehri- und Socotrisprache" (1902—1907) niederlegte. Die darin gesammelten Erzählungen, Märchen und Lieder aus drei neuen, bisher unbekannten Sprachen, dem Mehri, Socotri und Schehri, brachten der linguistischen Forschung eine große Ueberraschung. Sehr interessant sind die beigegebenen Exkurse ״Zur Sagen- und Märchenbildung" und ״Die Wanderung der Portiasage", die eine scharfsinnige Untersuchung zu den Wanderungen und Wandlungen der Sagenmotive bilden. Die sprachwissenschaftliche Behandlung dieses reichen Materials bot Müller besondere Gelegenheit, zu einer Reihe von Fragen der vergleichenden semitischen Sprachsorschung Stellung zu nehmen. Seine Vielseitigkeit und seine souveräne Beherrschung des ganzen ausgedehnten Gebietes der Semitistik kam ihm dabei zu statten. Es ist überhaupt bemerkenswert, daß jüdische Forscher von klangvollem Namen, Josef Halevy (Paris), David Heinrich Müller (Wien), Eduard Glaser (München)*) — 9 Vgl. Eduard Glaser von Rabb. Dr. Siegfried Lichtenstädter im ״Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" 1909 S. 136 ff.