Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 30)
- Language
- German
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49 Neben der jüdischen Geschichte ist es die jüdische Literatur, die von jeher ein weitgehendes Interesse fand. Unsere Literaturgeschichte umfaßt die geistige Arbeit des jüdischen Volkes in einem Zeitraum von etwa dreitausend Jahren. Nun muß allerdings das biblische Zeitalter ausscheiden, da die literarischen Schöpfungen dieser Epoche der Bibelkunde angehören. Eine allgemeine jüdische Literaturgeschichte muß sich mit allen literarischen Epochen befassen; aber eine gleichmäßige Behandlung ist äußerst schwer. Die biblischen Schriften find zweifellos in ihrem Inhalt und in ihrer Form von großer Mannigfaltigkeit. Weil sie aber seit etwa zwei Jahrtausenden im Zusammenhang das große religiöse Schrifttum des jüdischen Volkes und auch der Christenheit bilden und so einen unermeßlichen Einfluß auf die Kultur ausüben, so sind sie ein einheitliches literarisches Gebilde geworden — das ewige Buch der Bücher. Anders aber ist es mit dem nachbiblischen jüdischen Schrifttum, das neben seiner sachlichen Mannigfaltigkeit auch sprachlich heterogen ist. Das ist aber gewiß kein Mangel, sondern im Gegenteil ein großer Vorzug der jüdischen Literatur. In ihr bekundet sich der Universalismus, die bewunderungswürdige geistige Anpassungsfähigkeit und Schöpfungskraft des jüdischen Volkes; ich möchte auch hinzusügen: seine Unsterblichkeit. Es ist dies ein Volk,dassein ureigenes GeisteslebenzuerstinPalästinagelebt hat, dann aber in alle Welt zerstreut wurde und überall, wo es mit Kulturvölkern in Berührung trat, sich diesen anschloß und mit ihnen gemeinsam, aber immer in der vordersten Reihe stehend. Kulturarbeit verrichtete. Gegen diese geschichtliche Tatsache, die eine beredte Sprache führt, erscheinen alle nörgelnden Bemängelungen des Judentums belanglos, selbst wenn sie in der letzten Zeit zu einer Modetorheit eines Teils der „jüdischnationalen" Jugend geworden sind. Denn nur dem Judentum mit seinem reichen Inhalt, mit seinen unverwüstlichen Lebenssäften, verdankt das jüdische Volk seine beispiellose Lebenskraft und seine unverwüstliche geistige Frische. 4