Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 42)
- Language
- German
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62 M. Brod, der Typen aus der modernen westeuropäischen Judenheit darzustellen unternommen hat, schrieb einen Roman „Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden", in dem er sich mit Erfolg bemüht, in die Psychologie eines Juden der Großstadt im Milieu des Mittelstandes zu dringen und die Verhältnisse wahrheitsgetreu zu schildern. Eine Art zionistischer Zukunftsroman ist „Der König von Juda" von B. Levita, der sich seit Jahren mit dem sozialen Leben der großstädtischen westeuropäischen Juden eingehend beschäftigt. F. Wrede schildert in seinem Roman „Die Goldschilds", die Geschichte einer jüdischen Familie in ihren verschiedenen Verzweigungen. Er verfolgt die Tendenz, das religiöse Leben des heutigen Juden im Judentum für unmöglich zu erklären; der religiös empfindende Jude findet sein Heil in der Taufe. Die vielen getauften Juden unserer Zeit können kaum diese Behauptung bestätigen, denn viel Religiosität ist bei diesen Neuchristen selten zu finden. Der klassische Roman „Ein Jude" des bekannten dänischen Dichters M. A. Goldschmidt ist in deutscher Uebersetzung neu erschienen. Dieser Roman, der zu den besten seiner Gattung gehört, bedarf keiner weiteren Empfehlung. Aus der jüdisch-deutschen Mundart übersetzt ist die Erzählung „Die liebe Provinz" von S. Gorelik; außerdem ist noch zu erwähnen: „Aus jüdischem Hause", Erzählungen von H. Einstädter. — „Am Tor des Lebens" betitelt sich eine Sammlung Gedichte von Th. Zlocisti; eine andere Sammlung „Neue Gedichte" liegt ebenfalls von demselben Dichter vor, dessen Dichtungen, wie wenige andere, den Namen jüdisch tzerdienen, da sie im jüdischen Leben, in der jüdischen Denk- und Empfindungsweise tief wurzeln. Das Schicksal des unglücklichen Königs Saul hat auss neue zu einer dramatischen Bearbeitung angeregt (F. Lemme, „König Saul", Trauerspiel). Judas Jskariot, dem zweifellos in der christlichen Sage wie in der evangelischen Erzählung bitter unrecht geschehen ist, wurde von G. Bassewitz zum Helden einer Tragödie gemacht („Judas"). In der Zeit der Erstarkung des Christentums, als es sich anschickte, das Heidentum niederzuringen,