Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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164 seinem Vater geboten hat. Wilhelm Wolfsohn ist am 20. Januar 1820 in Odessa geboren und erlangte seine Bildung in dem deutschen Gymnasium seiner Vaterstadt. Früh verließ er Rußland, er kehrte freilich häufiger auf Vortragsreisen dahin zurück und blieb insofern seinem Vaterlande treu, als er von dessen geistiger Entwicklung lebendige Schilderungen entwarf und russische Dichtungen in mustergültiger Weise verdeutschte. Er wurde ein Deutscher und doch vergaß er in fremden Landen die Heimat nicht. Es ist die Stimmung, die ihn zeitlebens beherrscht, wenn er in einem Gedichte „Heimat" es ausspricht: ~~~ Ob der Gewohnheit süß Erinnern An deine Heimat dir verschwand; Ob dir entfremdet ganz im Innern Das längst verlass'ne Vaterland — Du fühlst an jedes Hauses Schwelle, Wo es beglückte Kinder gibt: Dir heimisch ist nur eine Stelle, Wo du als Kind dich sahst geliebt. Und ob dir längst die fremde Erde Dein Geist gewonnen, stark und frei; Ob sie dir ganz zur Heimat werde, Und lieber als die Heimat sei — Du fühlst an jedes Hauses Schwelle, Wo es beglückte Kinder gibt: Fremd ist und bleibt dir jede Stelle, Wo du als Kind nicht warst geliebt! Er studierte in Leipzig, nachdem er sich kurze Zeit der Medizin hingegeben, Philosophie, klassische Philologie und deutsche Literatur, und blieb daselbst bis 1843. In jener Zeit schloß er sich an Ferdinand Lassalle an, der in seinem Tagebuche den Menschen und Dichter außerordentlich rühmt. Aber in Leipzig knüpfte sich auch im Verkehr mit Theodor Fontane eine wirkliche Lebensbeziehung, die bis zum Tode Wolfsohns angedauert hat.