Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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künde und die hebräische Sprache. Hier muß man nicht nur zulernen, was gewiß nicht schwer fällt, sondern auch viel umlernen, und dies ist nicht mehr so leicht. Es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Zeit, daß man jetzt das heilige Schrifttum mit anderen Augen betrachtet, als es früher der Fall war. Ein großer Fortschritt liegt schon in dem Umstande, daß die Bibel nicht mehr ausschließlich der Theologie gehört. In neuerer Zeit ist aber auch eine größere Unbefangenheit bei der kritischen Betrachtung dieses merkwürdigen Buches hinzugetreten. Der geschichtliche Teil der Bibel wird nicht mehr mit jenem Mißtrauen behandelt, durch dessen Brille die freisinnige protestantische Theologie diese Urkunde anzusehen gewöhnt war. Die Bibelkritik ist nunmehr ruhiger und besonnener geworden; die Jagd nach den gewagtesten Hypothesen hört immer mehr aus, ebenso der absprechende, ich möchte beinahe, sagen: feindselige Ton in der Beurteilung der literarischen Denkmäler Israels, die schließlich doch der ganzen gebildeten Menschheit gehören. Man wird hoffentlich noch dazu kommen, die Bibelforschung von dem Parteikampfe auf religiösem Gebiete gänzlich loszulösen. Das wird voraussetzungslose Wissenschaft im besten Sinne des Wortes werden. Das biblische Schrifttum kann nur in seiner Ursprache erforscht werden. Hat man sich schon in lexikalischer Hinsicht bequemen müssen, neue Bahnen zu betreten, und mit dem alten System, das seit Schultens vorherrschend war, zu brechen, so' wird man endlich auch an die syntaktische Erforschung der hebräischen Sprache gehen müssen, ohne welche eine gesunde ■ Bibelexegese nicht möglich ist. Auf diesem Gebiete ist noch sehr viel, fast alles, zu leisten. Man braucht nicht in der Ehrfurcht vor dem überlieferten Text der heiligen Schrift — dessen Vorzüge man jetzt übrigens mehr anerkennt — so weit zu gehen, daß man jede wissenschaftliche Textkritik zurückweisen möchte. Aber es läßt sich, nicht in Abrede stellen, daß die „Textverbesserungsmethode", die auf ein stattliches Alter zurückblickt, so wenig Bleibendes geschaffen hat. Da gibt es keinen sicheren Besitzstand/