Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5671
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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bem aufgeklärten und rechtlich denkenden England, seit zwei Jahrzehnten in dem republikanischen freiheitlichen Frankreich gemacht haben, bringen von neuem den schmerzlich empfundenen Beweis von der schwer zu überwindenden Macht des Vorurteils der vielen gegen die wenigen. Sollen wir deshalb unser eigenstes Wesen ausgeben und in schrankenloser „Assimilation", mit Verzicht auf den väterlichen Glauben und der uralten Ueberlieferung, in die Menge untertauchen? Gewiß nicht. Das wäre für den einzelnen eine Feigheit und ein Verrat am Heiligsten; für die Gesamtheit ein schweres Verbrechen an der geschichtlichen Entwickelung, die der Religionsgemeinschaft Israels ihren bestimmten, wichtigen Platz innerhalb der menschheitlichen Evolution angewiesen hat. Das Judentum hat seine Aufgabe weiter zu erfüllen — zu diesem Schlüsse sind auch zahlreiche scharfe und unparteiische Denker christlichen Ursprungs gekommen — und wir, die wir die Ehre haben, an ihr mitzuarbeiten, dürfen sie nicht im Stiche lassen. Oder sollen wir samt und sonders zum Zionismus, zum exklusiv jüdischen Nationalismus übergehen, der auf die Gemeinschaft mit den übrigen Völkern verzichten und aus den Juden einen eigenen völkischen und staatlichen Organismus machen will? Wir verstehen vollkommen den gerechten und edlen Unwillen der Tausende von Juden, die, empört durch die Ungerechtigkeit der uns umgebenden Massen, nicht mehr von den uns zugeworfenen Brosamen leben, sondern sich auf sich selbst, auf die eigene Nationalität zurückziehen wollen; ja, wir begrüßen solche männliche Entschlossenheit als einen sympathischen Charakterzug unserer Jugend. Allein ganz abgesehen von der tatsächlichen Unmöglichkeit eines Judenstaates und Judenvolkes unter den gegenwärtigen Verhältnissen, die sich ja nur allzu deutlich herausgestellt hat, bedeutet das Bekenntnis zum Zionismus den Verzicht auf die vieltausendjährige Berufung der israelitischen Gemeinschaft zur Trägerin der reinen Gottesidee, zur Lehrmeisterin der Menschheit. Der Lehr-