Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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247 der Aufforderung des jüdischen Lehrers nachgekommen und in den Synagogenchor eingetreten sei, der morgen und übermorgen in der Synagoge singen sollte. Nur deutsche Lieder würden gesungen werden. Da blieb Wolf Aron plötzlich wie angewurzelt stehen und rief, den jungen Mann anstarrend, erschreckt: „Taatsch?" „Ja gewiß deutsch!" entgegnete Abram Leiser so ruhig, als ob sich's um die selbstverständlichsten Dinge handelte. „Das ist doch sehr schön! Da weiß man doch einmal, was man vom lieben Gott haben will!" „Brauchste dees ze wissen?" brauste Wolf Aron auf. „Schem borech hü^) waaß es! — Dein Tate hot's nischt gewüßt! — Dein Seide^) hot's nischt gewüßt, ün se sennen bessere Jiden gewe'n wie Dü mit Danem Taatsch!" Abram Leiser war eine der gutmütigen Naturen, die gern mit jedermann in Uebereinstimmung kommen und bequemte seine Meinung insofern der seines Begleiters an, als er gestand, daß das Deutsche, das der Chor einübe, zwar sehr schön, aber ihm doch ebenso unverständlich sei wie das Hebräische. Der Lehrer hätte ihnen wohl dieses und jenes erklärt und gemeint, sie sollten ihn nur fragen, wenn ihnen etwas unklar geblieben wäre. Aber es hätte niemand gefragt, denn keiner wollte doch als ungebildet gelten, und ihn speziell nähmen die Angelegenheiten des „Blauen Dunst" ganz und gar in Anspruch, sodaß er noch garnicht zum Nachdenken gekommen sei. Wolf Aron fragte, was denn für Gesänge vorqetragen würden. Der junge Mann erklärte, daß vor dem Ausheben der Tora ein Lied gesungen würde. Der Lehrer hätte gesagt, es stehe etwas darin von offenbarer Naturgeschichte, — der Lehrer hatte wohl von Offenbarung in Natur und Geschichte gesprochen — und da sie alle den Lehrer für einen wahrheitsliebenden Mann hielten, so hätten sie ihm geglaubt. Am zweiten Tage solle eine sogenannte ') Gott. 2) Großvater.