Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Wir verstehen darum den verwunderten Blick, den Gitel ihrem Wolf zuwarf. Aber wie sah Wolf heute aus? — So etwas Feierliches lag in feinem Wesen, wie sie es an ihm sonst nicht gesehen hatte. Und hatte er nicht? — Ja richtig, er Hatte doch eben „mein Kind" und „Gitelleben" zu ihr gesagt? — Solche zärtlichen Anwandlungen waren doch dem etwas barsch veranlagten Manne sonst nicht eigen. Hatte sie „Gitelleben" nicht schon einmal in ihrem Leben zu hören bekommen? — Wann war dieses Wort doch schon an ihr Ohr gedrungen? — In die Anlagen gehn? — . Richtig, nun hatte sie's. Vor Jahren hatte er sie so genannt, dort in den Anlagen, als sie noch ein Liebespaar gewesen. — Und so sah ihr Wolf ja wohl auch heute wieder aus? — Ein Schimmer von tiefinnerstem Glück lag auf dem Antlitz des sonst so ernsten, unter harter Arbeit und Entbehrungen rauh und wortkarg gewordenen Mannes. Und da saßen die zwei denn heute wieder in, den Anlagen, und Wolf erzählte seiner Gitel von den schönen Worten, die in dem Szidder stünden, deren Erkenntnis ihm heute durch ihr „Moritzleben" erschlossen worden, und dabei faßte er Gitel an die Hand, und beide schauten beglückt hinein in den blühenden Mai und sprachen von der Zukunft ihres Moritz und sähen nichts von den K'zinimZ, die im Sabbatpzitz an ihnen vorübergingen. Und abends, als sie heimkamen, sagte Wolf mit zärtlichem Tone: „Geh, Moritz, lein-) uns noch emol vor, was de in de Woch beim Lehrer gelernt host!" Und Moritz las und übersetzte, und vor ihm standen Wolf und Gitel mit seliger Miene, und als er geendigt, da tuschelten die Leiden miteinander, und Gitel zog die tz Reichen. 2) lies.