Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Talmud als Bildungsmittel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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177• — ist, den hervorragenden Anteil des Judentums an der religiösen Entwickelung und an den ״geistigen Gütern der ganzen Menschheit. Von größtem Werte, eine Schatzkammer des Wissens, ein Quell religiöser Erfrischung und Stärkung, eine Schule zur Erweckung und Schärfung der geistigen Kräfte war er seit anderthalb Jahrtausenden für die Juden selbst. In allen ihren Gemeinden hatte er seine Lehrstätten, -und nicht nur die Rabbiner, sondern auch viele Gemeindemitglieder, jung und alt, reich wie arm, pflegten mit Liebe und bewundernswertem Fleiße sein Studium und fanden stets neue Freude daran, in ihm zu lernen, seinen Gedankengängen zu folgen, seine Rätsel zu lösen und von ihm zum eigenen Denken sich anregen zu lassen. Der Talmud hat die Gedankenwelt der Juden bis zur Schwelle der neuen Zeit fast vollständig beherrscht und er hat sie befähigt, mit geistiger Frische und sittlicher Kraft in die neu sich entwickelnden Verhältnisse einzutreten. In diesen ist er allerdings immer mehr zurückgetreten. Die Juden wandten sich in steigendem Maßederneu sich ihnen erschließenden Bildung zu und hatten weder Zeit noch Lust, daneben auch noch das schwierige Studium des Talmud zu Pflegen. So hat er aufgehört, ein Bildungsmittel für einen größeren Kreis der Juden in Deutschland zu sein. Er ist zu einem Fachstudium geworden, dem fast nur noch die Rabbiner sich widmen. Unvergänglich aber bleibt seine religiöse, wie seine geschichtliche Bedeutung als das Buch, das an unser heiliges Schrifttum anknüpft, dessen Lehren und Gebote ausführt und sie weiter entwickelt, und das nicht aufhören soll, auch zu unserm Geiste zu sprechen und uns auf dem Wege zu begleiten, den wir als Juden zu gehen haben. 12