Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Vergangenheit, von der ältesten Zeit bis auf die jüngste, befaßt, großes Interesse entgegenbringen. In der Judenheit ist, was wir freudig konstatieren, zurzeit der geschichtliche Sinn, ich möchte auch sagen, das geschichtliche Bewußtsein rege und lebhaft. Zu einer neuen, auf grund neuer Gesichtspunkte aufzübauenden Gesamtgeschichte der Juden scheint die Zeit noch nicht gekommen zu sein. Aber einzelne Perioden und Epochen in der jüdischen Geschichte und des' jüdischen Kulturlebens sind durch neue Studien und Forschungen in ein helleres Licht gesetzt worden, -sie sind unserem Verständnis näher gerückt. Allerdings ist gerade dieses Gebiet so sehr verlockend, vorgefaßte Anschauungen und Meinungen als Tatsachen hinzustellen. Sowohl die ältere jüdische Geschichte wie auch die neuere ist so schwer objektiv und ohne jede Voraussetzung zu schreiben; sie so darzustellen, daß nicht aus ihr die eigene Ansicht des Schriftstellers über Juden und Judentum zum Leser spricht. Die ältere Geschichte, namentlich der hellenistischen Epoche, als das Judentum mit dem Hellenismus in Berührung trat und mit ihm auch bald in einen heftigen Kampf geriet, ist in der letzten Zeit vielfach der Gegenstand der Forschung gewesen. Neue Tatsachen sind weniger hervorgeholt worden, als neue Gesichtspunkte. Und eigentlich sind es auch nicht neue Gesichtspunkte, sondern ein neuer Aufputz zu dem von Tacitus vertretenen, der den Kamps zwischen Judentum und Hellenismus als einen Kampf zwischen Kultur und Barbarei darstellte. Natürlich sind nach diesem tugendstrotzenden alten Historiker die Hellenen durchweg die Kulturträger und die Juden nichts anderes als die Barbaren. Den Zusammenstoß zwischen Juden und * Griechlingen, den Graeculi, wie sich Kaiser Augustus* wegwerfend auszudrücken pflegte, faßte er so auf, daß sich der edle griechische Kulturträger Antiochus Epiphanes damit vergeblich abgemüht habe, „dieses Widerwärtige Volk zu verbessern". Diese Anschauung des klassischen Antisemitismus hat sich die moderne antijüdische Geschichtsschreibung, das heißt