Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Durch die Taufe zum Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
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— 70 — und angesehenen Hamburger Blattes, nur für einen Tag in Berlin zu Gaste ist. Ein zweiter, ein verdienstvoller, heute noch im frischesten Angedenken stehender Literarhistoriker, wohnt im kleinen Hotel Frederich in der Potsdamer Straße. Dorthin wenden sich jetzt unsere vier aus der neuesten Publizistik in den alten Talmud geratenen Nacht- und Glaubensschwärmer. Bis in den hellen Morgen bleiben sie in eifriger Auffrischung ihrer Bibel- und Talmud-Erinnerungen zusammen. Am eifrigsten, am wärmsten ist dabei ein überaus temperamentvoller junger Journalist, der später im politischen und wirtschaftlichen Leben zu besonderer Bedeutung gelangen sollte. Das ist der einzige unter uns, der verheiratet ist und ein sehr behagliches Heim besitzt. In diesem Heim finden sich die Freunde oft heiter zusammen, regelmäßig aber zur österlichen Feier an den beiden Sederabenden. Es mag im Südwesten Berlins wenig Häuser gegeben haben, in denen die Sedertafel so überlieserungsgetreu angerichtet war, in denen die Hagada so heiterfeierlich vorgetragen und jede Melodie mit so freudigem Eifer gesungen wurde. Nach langer Zeit aber erfuhren wir in maßlosem Staunen, daß unser eifrigster Sederführer, unser hingebendster Pfleger frommer Jugenderinnerungen, unser liebevollster Wahrer des mitgebrachten talmudischen Wissens — getauft war. Seit vielen Jahren getauft. * q- * War unser Freund ein Unwürdiger? Ein Heuchler? Es hat ihm wahrlich keinen Vorteil, keinen praktischen Nutzen gebracht, daß er so beflissen treujüdischen Umgang gesucht und jüdischen Heimatserinnerungen sich hingegeben hat. Es hätte ihm, wäre er nur ein niedriger Profitjäger gewesen, weit eher Gewinn eingetragen, wenn er sich mehr völkisch gebärdet hätte. Namentlich in den ersten Jahren der modernen antisemitischen Bewegung. Aeußeren Vorteil umso leichter, als er weder jüdisch aussah noch einen Namen trug, der auf jüdische Herkunft hindeutete, und