Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1925-01-01 · 26 (1925) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
26 (1925)
Article
Rückblick auf die Jahre 5684 und 5685
Date
1925-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111118-3115204--6611-3115236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 frage freilich haben sie Wort gehalten, sie haben überall Anträge eingebracht, die Angehörigen der jüdischen Raffe unter Fremdenrecht zu stellen. Wenn auch diese Anträge vorläufig der Lächerlichkeit anheimfallen, so darf doch nicht übersehen werden, daß die Völkischen auf die Regierungen einzelner Länder wie Thüringen und Mecklenburg einen starken Druck ausüben und auf dem Wege der berühmten „Verwaltungsprellerei" mancherlei durchsetzen. Selbst im Preußen Severings, das noch immer als „jüdisch-marxistisch" angegriffen wird, haben Juden, zumal ausländische, über Härten der Verwaltung zu klagen. Es ist nicht zu leugnen, daß die zielbewußte, mit Geldmitteln reich versorgte Agitation der Völkischen viel erreicht hat. Haß und Vorurteil gegen die Juden sind stärker als je, selbst an der Stätte des Gerichts, wo unparteiisch Recht gesprochen werden sollte, machen sie sich bisweilen rücksichtslos geltend. Beschimpfungen jüdisch-religiöser Schriften oder Einrichtungen, Beschädigungen von Synagogen. Schändungen von Friedhöfen gehören nicht zu den Seltenheiten — die Kampsverbände, die es freilich nie gewesen sein wollen, triumphieren. Der Numeros clausus, das Ziel der Sehnsucht aller „arischen" Studenten, ist zwar noch nicht an den Universitäten, Wohl aber im Deutsch-Oesterreichischen Alpenverein angenommen — bezeichnend genug, daß es den Rufern im Streit mehr an der Reinheit der Raffen, als an Sauberkeit der Kassenführung gelegen ist. Die traurigste Erscheinung freilich ist, daß die Befürworter des Numeros clausus sich auch auf die Zustimmung einiger Juden berufen konnten, und ebenso betrübend ist es, daß die hochangesehenen jüdischen Mitglieder der Deutschen Volkspartei sich ähnlichen antisemitischen Machenschaften innerhalb ihrer Partei nicht energisch widersetzen. „Gegen Juden- und Franzosenherrschaft" lautete die Parole, mit der die Deutschnationale Volkspartei den Wahlkampf zum Reichstag 1924 siegreich führte — freilich mit der Wirkung, daß die früheren Todfeinde der Weimarer Verfassung sich zu ihr bekannt und sie als Regierungsmänner beschworen haben, allerdings mit einer Reihe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.