Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Kaddisch
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 112 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 112 — Simson. Lauscht Ihr doch so gern unsern Gesprächen. Tan ch um. Nu, ja, jeder Mensch hat heute seine (ringt nach einem Ausdruck, mit zwei Fingern knallend) NU, Wie heißt sie doch, die meschuggene Neigung? — ja — seine perverse Neigung. Meine ist, euren Gesprächen zu lauschen. (Er nähert sich dem grünen Zweig am Fenster.) Siehst du diesen grünen Zweig, Simson? Simson. d Nun? Tan ch um. Und vor Eurem Hause steht ein alter knorriger Baum. Jener Baum hat breite Wurzeln, die tief in der Erde liegen: Winde kommen, Stürme fahren darüber, er aber steht fest an seinem Platze. — Und dieses Zweiglein hier (wirst es um) einen Ruck — da liegt es. Simson. Was wollt Ihr damit sagen? Tanchum. Ein solcher Baum ist die Erziehung im Elternhaus, und ein solches Zweiglein ist das. was man aus euren Büchern lernt. Erziehung ist eine Schrift mit feiner Tinte, die man im Leben nicht wegradieren kann. Und Erziehung hängt wieder mit der Abstammung zusammen. Sage mir, wo du geboren bist, und ich sage dir, wie du erzogen worden bist. Und das ist der tiefere Sinn der Worte: Die Thora kehrt immer wieder in ihrer alten Herberge ein. (Geht bis zur Tür; dann, den Kopf wendend, zu Simson.) Wenn mich der Vater fragt, wo du bist, was soll ich ihm sagen? Simson. Was sollt Ihr ihm sagen? T a n ch u m. Ich werde ihm sagen, du sitzest zuhause und lernst.