Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 23 (1920)
- Article
- Die Entstehung der Psalmen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 27 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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27 gekümmert und ist auch hierin einen großen Schritt vorwärts gekommen. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn wir es aussprechen, daß wir jetzt imstande sind, in vielen Fällen die poetischen Texte nach chrem ursprünglichen Rhythmus zu lesen oder wenigstens ihre Sinnesabschnitte anzugeben; nicht selten wird gerade dadurch das Verständnis bedeutend gefördert und die Wiederherstellung verderbter Texte ermöglicht. Aber auch hier bleibt noch vieles zu erforschen übrig; vom letzten Ziele sind wir noch weit entfernt; ja, manchmal mag derjenige, der die Fülle der bisher aufgestellten metrischen Systeme und den unendlichen Wirrwarr, den eine losgelassene Subjektivität auf diesem Gebiete angerichtet hat, überblickt, zu dem Eindruck kommen, diese ganze metrische Arbeit habe unserer Wissenschaft mehr geschadet als genützt. Eine andere Art wissenschaftlicher Forschung, die — wie wir schon andeuteten — mit der metrischen vielfach Hand in Hand geht, betrifft die Wiederherstellung des Wortlauts der Texte. Das Buch der Psalmen ist, wie das bei einer Liedersammlung zwar nicht weiter befremdlich, aber doch in hohem Grade zu bedauern ist, in einem ziemlich verwahrlosten Zustande auf uns gekommen. Einen besseren Text können wir in häufigen Fällen aus den alten Übersetzungen gewinnen, die freilich erst selber wiederhergestellt und ins Hebräische zurückübersetzt werden müffen. Diese Arbeit ist in vollem Umfange für den Psalter noch nicht geschehen, ein vollständiger „kritischer Apparat" ist bisher noch nicht vorgelegt worden; Baethgen, der Verfaffer einer philologisch sorgfältigen, aber freilich nicht sehr verständnisvollen Erklärung der Psalmen, der sich dieses Ziel vorgenommen hatte, ist darüber hinweg gestorben. Aber auch, wenn einst diese sehr empfindliche Lücke ausgefüllt sein sollte, ist die textkritische Arbeit noch keineswegs erledigt; denn auch die Übersetzungen helfen nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt leider viele, ja. sehr viele Psalmstellen, die der Dichter in dieser Form offenbar nicht geschrieben haben kann, weil sie so, wie sie uns vorliegen, gegen die Gesetze des hebräischen Stils, der Grammatik, des Zusammen-