Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Welt- Lange Zeit hindurch war sie es, und zwar sie allein, die den Hauch der Jetztzeit in die israelitischen Gemeinden der kleineren Städte Deutschlands, des preußischen, österreichischen und russischen Polen sowie das eigentliche Rußland eindringen ließ. Der mutige Reformator des jüdischen Schulwesens in Rußland, unter Nikolaus I., Max Lilienthal, hat es ausdrücklich gesagt: „Es ist hauptsächlich die Allgemeine Zeitung des Judentums, die die Strahlen der deutschisraelitischen Zivilisation in die entferntesten Winkel Rußlands verbreitet". Tausende und Tausende von Juden haben durch sie den Begriff der zeitgenössischen Kultur und zugleich die Kenntnis des wahren und ewigen Judentums erworben. Wie oft haben mir grauhaarige Männer und Frauen mit einer noch von den Erinnerungen ihrer Jugend erbebenden Stimme erzählt, was sie dieser Zeitung verdanken! „Wieviel die Zeitung des Judentums zur Belebung und Erstarkung des jüdischen Bewußtseins und des Gemeinsinnes unter den Juden beigetragen hat, das läßt sich nicht schildern", sagt Adolf Jellinek. Und Philippsons publizistischer Konkurrent Szanto: „Sie lehrte die Juden, sich wieder auf sich selbst zu besinnen, das Bewußtsein ihrer eigenen Würde aus tiefem Schlafe auszuwecken, und predigte Religiosität ohne zu frömmeln". Sie erfreute sich auch eines großen Ansehens in der christlichen Welt, und gerade weil sie von den Staatsmännern und Regierungshäuptern geschätzt wurde, leistete sie der Sache der Gleichberechtigung der Juden, zumal in Deutschland, die wesentlichsten Dienste. Philippson hat sein Blatt 53 Jahre hindurch geleitet, und die letzten Zeilen, die aus seiner Feder flössen, waren ein Artikel zur Eröffnung des neuen, 54. Jahrganges der „Allgemeinen Zeitung". Das moderne Judentum hat tiefgründigere Spezialgelehrte und philosophischere Denker als Ludwig Philippson besessen, aber keinen so universellen und besonders volkstümlichen Vorkämpfer. Er übte nicht nur durch sein Blatt den glücklichsten und tiefstgreifenden Einfluß und Antrieb aus, sondern auch durch seine poetischen Schöpfungen.