Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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15 als Sündenböcke für alles jüngst Geschehene erscheinen zu lassen. Diese Besorgnis hat sich leider in vollem Maße bewahrheitet. Während das siegreiche Beamtenturn mit Kerker, Sibirien, dem Galgen gegen alle Einzelnen wütet, die es irgendwie mit freiheitlichen Ideen behaftet glaubt — bis auf unmündige Jünglinge und Mädchen — wendet es doch allgemeine Unterdrückungsmaßregeln nur gegen die Juden an. So setzt es die Pogrom-Arbeit in unblutiger Weise, aber um so wirksamer fort. Allerdings, das Osterfest ist ohne Pogrom vorübergegangen. Die Regierung, von der diese angebliche „Volksbewegung" ja ausschließlich abhängt, hatte ein Verbot an alle Proviuzgouverneure erlassen. Und da infolgedessen die Behörden die Sache nicht in die Hand nahmen, blieb auch die Volksleidenschaft ohne Betätigung; die Volksseele kocht eben nur, wenn der Brand von den Beamten angelegt wird. Es ist ja auch viel weniger auffällig und erregt in dem „verfaulten Westen", in Europa und den Vereinigten Staaten, den man noch wegen der Staatsanleihen braucht, weniger Lärm, wenn man die Juden ohne Blutvergießen vernichtet. Dazu trägt auch das Gesetz über die Aufrechterhaltung der Sonntagsruhe bei, das die Dllma im Juni 1910 angenommen hat. Wenn man weiß, daß die jüdischen Handwerker und Händler nur mit allergrößter Anstrengung den notwendigsten Lebensunterhalt erarbeiten, und daß sie durch die jüdischen Feiertage und Sabbate schon an vielen Tagen des Jahres zu feiern genötigt sind, so wird man begreifen, welch furchtbarer Schlag für sie ein Gesetz ist, das ihnen den Erwerb auch an den Sonntagen und den zahlreichen Festen der griechischen Kirche irntersagt; für mehr als ein Drittel des Jahres find die Juden damit zur Untätigkeit verurteilt. Das fällt für Menschen schwer ins Gewicht, die im strengsten Sinne des Wortes von der Hand in den Mund leben. Die gesanrte Linke der Duma beantragte Milderungen zugunsten der Juden und Mohammedaner; ihre Vorschläge wurden aber mit 194 Stimmen gegen 101 abgelehnt.