Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114748--3706-3114781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
13 Auch die mohammedanische Welt geht entschlossen auf den Pfaden der Gerechtigkeit und Duldsamkeit voran. Ist es nicht wie ein Wunder, daß vor kurzem in der Türkei zwei Juden, die übrigens an der Rechtsfakultät von Konstantinopel regelrecht -ihre Studien gemacht und beendet hatten, zu Richtern ernannt worden sind, und zwar in Beirut und in Jerusalem? Sie verstehen beide die hebräische Sprache. Ehemals durfte kein Nichtmuselman in die bewaffnete Macht ausgenommen werden; jetzt wurde der Jude Isaak Effendi Jessua zum Divisionschef im Kriegsministerium befördert. Die jüdischen Rekruten treten — recht irrt Gegensätze zu den Griechen — nicht nur mit Begeisterung in die Reihen des ottomanischen Heeres; ein großer Teil von ihnen hat auch ihre Besoldung ganz oder zum Teile dem Fonds zur Unterstützung der türkischen Flotte überwiesen. In Jerusalem findet die dort weit überwiegende jüdische Bevölkerung, deren Mehrheit allerdings nicht aus türkischen Untertanen besteht, endlich eine ihrer Bedeutung einigermaßen entsprechende Vertretung. Die Gemeinderatswahlen endeten mit einem Siege der Juden, die unter den fünf neuen Stadträten drei der Ihrigen durchbrachten. Zwanzig Juden wurden in der dortigen städtischen Polizei angestellt. Kurz, die Juden nehmen an dem öffentlichen Leben im ottomanischen Reiche vollen Anteil. Auch in der bisher von heftigstem islamitischen Fanatismus erfüllten alten Kalifenstadt Bagdad sind die Juden eifrige Anhänger des neuen konstitutionellen Systems, das ihnen Sicherheit und Gleichberechtigung verheißt. Sie ziehen aus dem alten Judenviertel in die besseren Quartiere der Stadt, nehmen europäische Kleidung und Sitten an und suchen ihren Kindern eine moderne Erziehung zu geben, indem sie doch die Reichssprache, die türkische, in ihre Familien einführen. Das Verfassungsleben hat in dem anderen mohammedanischen Hauptstaate, in Persien, noch schwere