Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 klerikal-konservativen ersetzt, und die Regierung glaubt sich nicht mehr zu einem selbst rein platonischen Zugeständnis genötigt. Kriegsminister von Heeringen sprach in der Sitzung des Reichstags vom 10. Februar 1910 den jüdischen Einjährigen überhaupt persönlich die Befähigung zum Offizier ab — höchst wunderbar, da sie dreißig Jahre lang solche Befähigung besessen hatten und sie auch jetzt sofort wieder erlangen, wenn sie sich zu diesem Zwecke taufen lassen. Es ist leider hervorzuheben, daß in dieser Sitzung wie in derjenigen vom 17. März nur Mitglieder der Freisinnigen Partei für das Recht der Juden eintraten: Nationalliberale wie Klerikale schwiegen dazu still. Eine Eingabe des Verbandes der deutschen Juden an den Kriegsminister, die um Abstellung jener Ungerechtigkeit bat, wurde von Herrn von Heeringen zurückgewiesen, da er „in den Akten" keinen Grund zum Einschreiten finde. Als ob die offiziellen Akten jemals den wahren Sachverhalt auch nur andeuten würden! Die von dem „Verbände" eingereichten nichtamtlichen Aktenstücke, die ihn hinreichend erwiesen, hat der Kriegsminister unbeachtet gelassen. Es wird Gelegenheit genommen werden, sie öffentlich in eindrucksvoller Weise zu erörtern. Leider beginnt der preußische Einfluß sich in dieser Angelegenheit auch auf das einzige, in inneren Angelegenheiten noch unabhängige deutsche Heereskontingent, auf das bayerische, zu erstrecken. Hier war bisher verhältnismäßige Unparteilichkeit den jüdischen Offiziersaspiranten gegenüber gewährt worden, und es hatte sich die wunderliche Tatsache herausgestellt, daß außerbayerischen Juden, die in ihren heimatlichen Regiinentern für den Offiziersdienst ungeeignet gewesen wären, hierfür beim Dienen in Bayern völlig tauglich waren. Aber nun komnten auch bei einigen bayerischen Regimentern Fälle vor, daß jüdische Einjährige, die sich als gute, stramme Soldaten erwiesen hatten und als Vizefeldwebel bereits Offiziersdienste taten, plötzlich an der Klippe zum Offizier scheiterten. Der bayerische Kriegsminister stellte zwar in dem Abgeordnetenhause den konfessionellen Charakter dieser Vorgänge in Abrede;