Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 223 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Von Liebe nichts weiß, oder die gehorsame Tochter, die in starren Vorurteilen befangene Jüdin, die eine Verbindung mit einem Christen gegen den Willen ihrer Eltern sich nicht denken kann; aber die Geschichte selbst kann man bewundern. Zunächst sind die Nebenfiguren köstlich dargestellt: Heiratsvermittler, Richter, Dorfleute, Kaiserliche Beamte, reiche und arme Juden, Mirjams Mutter, Frau Channe, das christliche, nicht eigentlich böse, aber durch seine Schwatzhaftigkeit großes Unheil anrichtende Dienstmädchen Kasia. Vor allem aber sind die beiden Hauptcharaktere geradezu prachtvoll: Der Bauer Janko, ein Hüne von Gestalt, von riesenhafter Energie erfüllt, der mitten unter den Trunkenbolden nüchtern, unter all den Faullenzern arbeitsam bleibt, das Gelöbnis treu hält, das väterliche Gut, das er von Schulden befreit hat, bis zum Tode zu wahren, und ohne jede Spur von Sentimentalität, keineswegs nur von sinnlichen Trieben erfaßt, die Liebe zu dem Mädchen, ohne das er sich sein Leben nicht denken kann, unverbrüchlich Pflegt. Ganz besonders schön aber wird dieser Leib charakterisiert: der kleine armselige Mensch, der von den Juden gehöhnt, von den Christen gepeinigt, von den meisten als Narr, von einigen als elender Wucherer mißhandelt wird, ist ein großartiger Mann. Er ist edel und vermag keinen: unreinen Gedanken in seiner Seele Raum zu geben, stets hilfsbereit, auch gegen die, die ihn mißhandelten, von einer wahrhaft guten, herzerquickenden Frömmigkeit, — eine Gestalt, die nur einem Dichter und einem edlen Menschen gelingen konnte. Das letzte Werk, dessen Besprechung hier gegeben werden muß, ist „DerPojaz". Dies ist der Spitzname des Helden Sender Kurländer, eigentlich Glatteis, den er wegen der Bajazzostreiche, die er in seiner Jugend ausgefuhrt hatte, erhält. Sein Vater, ein Schnorrer, durch seine lustigen Anekdoten berühmt, ist verschollen, seine Mutter bald nach der Geburt gestorben. Der Knabe wird von einer energischen Frau, Rosele, ausgenommen und wie ihr Kind erzogen. Sie arbeitet mit allen Kräften daran, den Knaben vor dem Gewerbe des Vaters zu