Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- August von Hennings, der Freund Moses Mendelssohns
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 146 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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146 in Schlözers Staats-Anzeiger, die doch Aufklärung verbreiten sollen, wird den Fangbriesen, Lettreg äe eaeüer, das Wort geredet, um dem Gifte Voltairescher Aufklärung, wie es heißt, Einhalt Zu tun. Wer wahrhaft Religion ehrt, wer die hierarchische Verblendung kennt, in der noch der größte Theil von Europa versunken ist, wer richtig von der Gottheit urtheilt, der kann unmöglich leugnen, daß Voltaire gerade ebensoviel zum wahren Besten der Religion gethan hat, als La Vater zum Schaden derselben thut. Aber o heilige Wahrheit, wie wird mit dir Handel getrieben! Voltaire, sagt man, ist ein Spötter. — Doch, was ist Spott? — Ein Lächeln, das aus den Wangen erstirbt; nur dann läßt es Eindrücke zurück, wenn es tröstend ist. Traurig ist es, daß die Vernunft nicht da geradezu freie Rechte hat, wo alles auf Vernunft ankommt; daß da Irren ein Verbrechen ist, wo gewiß kein Mensch ganz ohne Irren urtheilt. Traurig ist es, daß Voltaire seinen Scharfsinn in Satyre verwandeln mußte, um unter dem Schutze der Ironie gegen Verfolgung gesichert zu sein, welches ihm um soviel leichter ward, da der ernsthafteste Vortrag in theologischen Meinungen oft die bitterste Ironie zu sein scheint. Wer kann der Satyre Grenzen setzen? Horaz, Juvenal, Boileau übertrieben sie. Mag auch Voltaire es getan haben. Aber was kann ein unzeitiger Spott der Religion schaden, und wie vieles gewinnt sie dagegen durch Aufklärung? Nur diese lehrt uns Gotteswerk von Menschenwerk unterscheiden, zeigt uns in Lav ater s Schwärmen den Loyalism, er sei bedacht oder nicht, und in Voltaires Gespötte die fteie Beschützung der protestantischen Behandlung des Christenthums. Sie zieht in der Berechnung dort das sogenannte Gutgemeinte vom Schadenstistenden und hier das Leere des Gespöttes von dem freien Denken im Religionswesen ab, und dann wird gewiß das Resultat herauskommen, daß La Vater alles für Blindheit, Voltaire alles für Aufklärung thar, und daß jene in der Religion alles einreitzr, diese wieder ausbaut. War es nun Voltaires Schuld, daß er als Spötter ftei ausging und als Reformator verfolgt gewesen sein würde, oder gereicht es ihm zur Ehre, daß er als Spötter Reformator ward, in dessen Schule Joseph das bisgen lernte, was er weiß?" Im Anschlüsse hieran lesen wir eine politische Prophezeiung, die, der Goethes über Ungarn ähnlich, vor Kurzen: zum zweitenmal an Norwegen in Erfüllung gegangen ist. Gelegentlich eines Gespräches mit dem Prinzen von Augustenbürg heißt es nämlich: „Der Prinz führte an, daß schon Montesquieu bemerkt habe, daß zu viele Freiheit den Geist der Unabhängigkeit der Normänner reizen möchte, von denen man voraussetzen könne, daß sie nach: hundert Jahren nicht mehr mit Dänemark verbunden sein würden."