Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Über den Buchschmuck der Hagada
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 126 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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126 knüpft sei. Nun aber werden gerade in frühen Hagaden Unstimmigkeiten zwischen Text und Illustration konstatiert. So findet sich in dem Codex Or. 2884 des British Museuni ein Bild mit der Darstellung des Gottesdienstes in der Synagoge und der Beischrift: „Der Hausherr und seine Leute, die die Hagada sagen". Dazu kommen einige Darstellungen, die ganz unjüdisch sind, z. B. Gott, der auf einen: Bänkchen sitzend, von seinem Schöpfungs- Werke ausruht in der Hagada von Serajewo, Gott im brennenden Dornbusch, sonst durch einen Strahl oder Fittig angedeutet, mit den: Typus Christi in der ersten italienischen Handschrift. Und, was besonders wichtig ist, es ist einmal eine ganze Hagada im 13. Jahrhundert geschrieben und erst im 15. Jahrhundert illustriert worden, sie war also von Anfang an vom Schreiber für einen andern Illustrator bestimmt gewesen. Erst in den späten deutschen Hagaden ist die Verbindung zwischen Text und Bild ganz unlöslich geworden. Wir haben oben einen doppelten Entwicklungsgang verfolgen können. In der äußeren Bildanordnung zunächst . das immer stärkere Sichzusammenschließen von Bild und Text; hatte doch die älteste italienische Hagada eine Bilderfolge, die ganz unjüdisch von vorn nach hinten angeordnet war; die völlige Verschmelzung geschieht erst in Deutschland. Der zweite Weg war der zur stilistischen Freiheit, auch sie hat ihren höchsten Ausdruck in Deutschland gefunden. Es wäre interessant, wenn die deutsche Buchmalerei, deren letzte Ausläufer in den Gebetbuchzeichnungen Dürers und Schäuffelins zu suchen sind, einen Zweig ins Ghetto hätte hineinwachsen lassen. Es hat fast den Anschein, als ob diese beiden Entwicklungsreihen abhängig sind von einer dritten Entwicklung, der in der Geschichte Israels, als ob in dem Matze, in dem Israel dem Ghetto näher rückte, es sich von christlicher Beihilfe emanzipierte, es gezwungen war, sich von ihr zu emanzipieren, und seine künstlerische Freiheit gewann in dem Augenblicke, in dem es seine bürgerliche verloren hatte.