Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 66 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Zu der Belletristik übergehend, ist in diesem Berichtsjahr kein einziges Werk anzuführen, das auch nur annähernd die Bedeutung hätte, die im vorigen Jahr dem Roman von Georg Hermann: Jettchen Gebert nachgerühmt werden konnte. Eine Fortsetzung dieses Romans: Henriette Jacoby hat bereits zu erscheinen begonnen. Wenn man die schöne Literatur aufmerksam verfolgt, so zeigen sich hier drei Richtungen; die eine ist die, welche im alten Geleise der Ghettogeschichten einherzieht und den großen Meistern wie Kompert und Bernstein, Franzos und Sacher-Masoch getreulich nachfolgt; die andere Richtung steht in krassem Gegensatz zu ihr. Sie will ein neues Element in den Kreis der Belletristik ziehen: Die Idee der Renaissance, der Neubelebung des Judentums durch nationale und andere Bestrebungen. Sie steht natürlich ganz unter dem Bann der jungd'eutschen Literatur. Die dritte Richtung aber ist die der Schriftsteller, die sei es aus innerem Antriebe, sei es aus weniger idealen Interessen die Zeit, in der so viel über Juden und Judentum gesprochen wird, als den richtigen Ausgangspunkt für „jüdische Romane" ansehen, und die nun je nach ihrer politischen Richtung entweder für oder gegen die Juden auftreten. Alle drei Richtungen sind in diesem Jahre vertreten. Mit besonderer Vorliebe wenden sich natürlich die Autoren der Zeit zu, in der die beiden größten Tragödien der Weltgeschichte gespielt haben und die auch gerade jetzt wieder das allgemeine Interesse wachruft. Die Romane von Myriam Harry: La conquete de Jerusalem, deutsch von Adolf Peuker, von AlPhonse de Haye: Fiat Justitia urtb tion Wauxice de Waleffe: La Madelaine arnoureuse spielen in dieser Zeit. Charakteristisch für die Art und Weise, wie diese Autoren arbeiten, ist ein Wort in der kurzen Vorrede zu dem letzten Roman: „Wenn die Geschichte versagt, beginnt die Kunst des Romandichters . . . Mit zwei Zeilen des Evangeliums und drei Zeilen des Talmuds habe ich Maria Magdala auszugestalten gesucht." Man kann sich wohl auch denken, was daraus geworden ist.' Ein Beurteiler des Romans sagt sehr treffend von diesem,