Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5667
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 13 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114446--2825-3114481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 stete Zuzug aus Polen und Rußland die Anzahl der Israeliten in Frankreich von Jahr zu Jahr vermehrt. Allerdings hat die Delegiertenversammlung einstweilen den bedenklichen Beschluß gefaßt, daß die Verwaltung der neuen Religionsvereine und ihre Delegation lediglich aus Angehörigen der französischen Nationalität bestehen sollen. Aber einmal fragt es sich doch, ob die Ausschließung der rnehr als hunderttausend noch nicht naturalisierten Glaubensgenossen aus der Verwaltung der Gemeinden auf die Länge aufrecht erhalten werden kann; und dann werden wahrscheinlich zahlreiche Ankömmlinge und jedenfalls deren Nachkommen das französische Bürgerrecht erwerben. Während also die deutsche Judenheit ziffermäßig im Verhältnis zu der übrigen Bevölkerung beständig zurückgeht, wird die französische einen steten Zuwachs erhalten. Ein solcher Gegensatz kann uns nicht Wunder nehmen. In Deutschland werden die Israeliten in Staat und Gesellschaft mannigfach benachteiligt; die Grenzen des Reiches werden neuen Ankömmlingen, wenn sie Juden sind, sorgfältig verschlossen, als ob das Judentum eine bedrohliche Krankheit ausmachte, deren Herd man nach Möglichkeit eindämmen müsse. Die französische Republik dagegen nimmt die einwandernden Israeliten gütig und gastfreundlich aus, mit der Hochherzigkeit, die die französische Nation stets ausgezeichnet hat. (Äne Parallele, die wir in Zukunft nicht aus den Augen verlieren sollten. Und ferner: die verfassungsmäßige Gleichberechtigung wird in Frankreich nicht durch Jnterpretationskünste und Willkür tatsächlich in ihr Gegenteil verkehrt, sondern allerwege durchgeführt. Im Heere ist wieder eine Anzahl Juden zu höheren Offizierstellen befördert worden, darunter einer, Dennery, zum Brigadegeneral. Joseph Reinach, der in der Zeit der nationalistisch - klerikalen Herrschaft wegen seines Eintretens für Hauptmann Dreyfus seiner Stellung beraubt worden war, ist durch besonderes Gesetz in diese wieder eingesetzt worden. Der nunmehrige Major Dreyfus erhielt das Amt als Artilleriekommandant des Festungsbezirkes von St. Denis in Paris. Allerdings ist er nicht