Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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270 ich höre ..." Sie lehnte sich in den Fauteuil zurück und stützte den Kopf in die Hand, „ich höre!" Und nun erzählte Georg. „Die Albernheiten und Fatalitäten mit denen Tante Mali ihren Eintritt in das Christentum weihte, sind Dir ja bekannt, Mama. Wenigstens teilweise, wenn wir auch bemüht waren, soviel als möglich Euch diesen blamablen Klatsch zu verschweigen, mit denen unsere Gesellschaftskreise sich damals amüsierten. Besonders Papa sollte nichts von diesen Geschmacklosigkeiten und Würdelosigkeiten erfahren . .!" „Wollte Gott Papa hätte sich damals sofort dazu bestimmen lassen, manche schwere Stunde wäre ihm erspart geblieben... es war ihm nicht gleichgiltig, wenn er hören mußte, Frau Marie Löwenberg sei eine eifrige Kirchengängerin und sein Bruder Julius sei Mitglied der inneren Mission ..." „Und doch war das mehr komisch als ernsthaft zu nehmen ..." „Vielleicht! Aber weißt Du, Georg, es gibt ein gutes, altes jüdisches Sprüchwort: Ich möcht' auch lachen, wenn der Narr nicht mein wär. In dieser Lage befand sich leider Papa . . . was er sonst mit Verachtung und vielleicht mit Humor aufgefaßt hätte, traf ins innerste Herz, weil der Name sein war . . . seine Blutsverwandtschaft, sein Bruder, seine — Mischpoche! Und er konnte dieses unwürdige, lächerliche Bekennen christlicher Gesinnung nicht verschmerzen in einer Zeit, wo der Antisemitismus alle Juden, die einen Funken von Ehrgefühl, eine Spur von Selbstbewußtsein und Selbstachtung besaßen, wieder zusammensührte; so weit ab sie auch standen, so fremd sie der Gemeinschaft geworden waren. Nur ganz Verworfene, Renegaten, die Vorteil zu ziehen suchten aus der kläglichen Situation, sah man in den Reihen der Angreifer und unter ihnen die Angehörigen von Julius Löwenberg ..." „Sage doch richtiger von Frau Mali Löwenberg geb. Bendel! Jedermann wußte, woher diese Christlichkeit stammte, und daß der Onkel ein schwacher Mann ist, der