Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 21)
- Language
- German
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222 Von reich gewordenen Juden die Rede ist, die sich in ihre Reihen drängen und dort leider ausgenommen werden. Daß sie es sind, die so das non ölet zu Ehren bringen, fällt ihnen gar nicht ein. Von der ernsten, mühevollen, rastlosen Arbeit, die unter uns große Vermögen geschaffen, wissen sie kaum etwas. Was sie sehen, erscheint ihnen befremdlich, lächerlich oder verächtlich und die sie danach beurteilen sind wahrlich nicht die besten unter uns " . . . „Wie Du einer bist", fiel ihm der Rabbiner ins Wort. „Und so mancher andere unter unsern Glaubensgenossen. Wahrlich wir können stolz sein aus die Berliner Großkaufmannschaft. . ." seine Worte hatten auf ihn selbst beruhigend eingewirkt. Er fühlte sich wieder ganz in der vornehmen Würde und Sicherheit, die sein Reichtum und feine hervorragende soziale Stellung ihm gaben. Wieder sann er vor sich hin, aber die Genugtuung, die chn einen Augenblick beseelt hatte, wich bald der Kränkung und dem Schmerz, die ihn beherrschten. „Und gerade uns muß diese unerhörte Lächerlichkeit treffen! Unsere Familie. Wenn er schon seine Zustimmung zur Taufe seiner Tochter und der Heirat mit diesen! Herrn von Wörlitz gab, so war das übergenug, daß er nun aber selbst mit Frau und Sohn den Uebertritt vollzogen, wie er schreibt, ist verdammenswert. Und wenn es nicht so schrecklich traurig wäre, man könnte es einfach komisch finden. Israel und Mali Löwenberg — strenggläubige Christen!" Ein schneidender Hohn klang aus diesen Worten. „Sie gehen allsonntäglich in die Kirche, berichtete mir Georg, der gestern Abend ankam, und Erich, ihr jüngster Sprößling, hat neulich erklärt, daß er nunmehr bei den Gardedragonern dienen werde, wo die Epauletten ihm sicher seien, seit er aufs Kreuz geschworen." „Das nennt sich nun Christ, was weder Jud' noch Christ ist!" sagte mit Bitterkeit Dr. Seligsöhn, „nicht Protestanten -sind es, sondern Opportunisten! Die Gläubigen der Opportunität!" „Es wäre wirklich zum Lachen, wenn der Narr nicht mein wäre", ein harter Zug trat jäh in sein edles Antlitz, „oder richtiger, gewesen wäre! Denn es ist selbstverständlich.