Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Religion eingeschlichen, in der Kultur selbst sich wieder lebendig gernacht. Und so hat er sich im Christentunr als Weltmacht ausgebreitet. Das Judentum hat nicht nur einmal durch Philo den Einfluß des griechischen Geistes erfahren; auch inr Mittelalter, als der Neuplatonismus wiedererweckt wurde, ist es besonders Salomo ibn Gabirol, der, ohne Bibel und Talmud zu zitieren, in seinem arabisch geschriebenen Werke Fons vitae den Spinozismus vor Spinoza begründete, indem er die Einheit Gottes als die Einheit der Substanz, auch als Materie, durchzusühren wagte. Es ist begreiflich, daß auch das philosophische Judentum sich von diesem Werke abwandte, obwohl sein Verfasser wegen der Fülle und der Innigkeit seiner synagogalen Poesien ein großes Ansehen genoß und behielt. Und es ist ebenso auch die historische Kuriosität verständlich, daß dieser jüdische Dichter-Philosoph unter seinem arabischen Autornamen Avicebron vom Anfänge des 16. Jahrhunderts ab als Jude verschwinden, und bis zur Wiederentdeckung durch Salomon Munk als Muhammedaner gelten konnte. Obwohl der Monotheismus dem Zauber des Pantheismus auch im Judentum nicht immer und keineswegs grundsätzlich Widerstand leisten konnte, so läßt sich doch eine peinliche Bedachtsamkeit dieser Verlockung gegenüber in seiner inneren Geschichte erkennen. Das Christentum dagegen hat gerade in den Epochen -seiner Vertiefung bis auf den jungen Luther hin aus diesen Motiven geschürft und neues Leben erweckt. Dies muß einen inneren Grund in dem spezifischen Begriffe dieser Religion haben. Wenn wir diesem Begriffe nun auf den Grund kommen wollen, so ist es zweckmäßig, noch eine andere Tatsache in der Geschichte des philosophischen Judentums zu beachten. Im Zusammenhänge mit der Philosophie des Islam wird die Lehre von den Attributen Gottes zum Grundproblem der religiösen Spekulation. Da ist es nun charakteristisch, daß alle namhaften Juden gegen die Attribute Gottes eintreten; und diese Richtung wird in Maimunis Führer der