Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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47 mehr seines Inhalts als seiner Form wegen aufgeführt worden. Ihre Stoffe aus der jüdischen Geschichte haben sich Clara Steinitz, I. Friedländer, Hans Eschelbach und A. Nossig geholt. Ein älteres biblisches Drama „Simsons Kraft" hat aus dem Nachlaß seines Vaters M. S. Zuckermandel herausgegeben. In guter hebräischer Diktion lehnt sich das Drama im ganzen ziemlich getreu an die biblische Erzählung an. Es ist besonders interessant für die Zeit, in der es entstanden ist. Zum Schluß kommen wir zu den lyrischen Erzeugnissen des Jahres. Hier sind vor allem die Gedichte von Max Jungmann: Dornen zu erwähnen. Es ist politische Lyrik im vollsten Sinne des Wortes. Jungmann ist ein moderner Dichter und ein nationaler dazu. Er sieht die Welt mit offenem Auge an und verschont mit dein Stachel seiner Satire die Höchsten so wenig wie die Medrigsten. Die Gedichte sind in Form und Inhalt vorzüglich. Ein ganz eigenartiges Buch, so recht aus der Zeit heraus, sind die Weltlichen Lieder eines Geistlichen. Der Verfasser charakterisiert sich selbst trefflich in folgender Weise: „Vielmehr bin ich stolz und glücklich für meine Person das zu besitzen, was vielen ein vergebliches Erstreben bleibt: Biblischen Gedankenernst mit hellenischer Sinnenfreudigkeit gepaart zu wissen. Ethik und Aesthetik halten sich die Wage, nie aber werde ich zögern, in entscheidenden Fällen die Aesthetik der Ethik zu opfern." Ein kühnes Stück für einen jüdischen Geistlichen! Aber man kann nicht sagen, daß es mißlungen sei. Der Dichter ist ein moderner Mensch, der mit leidenschaftlicher Glut, aber wenn es darauf ankommt, auch mit heiligem Ernst zu sagen und zu singen weiß, wie es ihm ums Herz ist, ohne nach dem Moralisten viel zu fragen, die allein die Stirn runzeln könnten. Sonst ist auf diesem Gebiete, außer den sinnigen Talmudsprüchen von Viktor Klemperer, die sehr hübsch sind, und in ihrer Knappheit sich manchmal wie Epigramme lesen, nicht viel nennenswertes erschienen. Und doch sollte man meinen, daß aus den Quellen der Begeisterung für die großen Gedanken, die unsere Jugend bewegen, mehr Poesie hervorströmen