Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5666
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 öffentlichen Einrichtungen Preußens aufgedrückt wird. Die Bemühungen der deutschen Juden und vor allem einiger gerecht und billig denkender Volksvertreter überzeugen die Regierung in steigendem Maße von der Verfassungswidrigkeit der Ausschließung der Juden von den öffentlichen Ämtern. Einer lange und nachdrücklich geäußerten Beschwerde der Preußen jüdischen Glaubens hat der neu ernannte Justizminister Beseler abgeholfen, indem er eine Anzahl ausgezeichneter jüdischer Richter zu Oberlandesgerichtsräten, beziehentlich zum Kammergerichtsrat ernannte. Ebenso milderte er die bisherige Hintansetzung jüdischer Rechtsanwälte bei der Verleihung des ehrenvollen und einträglichen Notariats. Selbst das durchaus reaktionäre Unterrichtsministerium wird durch den vorherrschenden Mangel an höheren Lehrern gezwungen, vereinzelt Juden an Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen Königlichen Patronats anzustellen. Auch an den Universitäten sind endlich einige Juden zu ordentlichen Professoren aufgerückt. Nicht als Zeichen der Judenfreundlichkeit — wie das von antisemitischen Blättern geschehen ist — erwähnen wir die „Erhebung" einiger getaufter, ehemals jüdischer Finanzmagnaten in den Adelsstand. Diese Familien wurden überdies sorgfältig dahin ausgesucht, daß sie keine Söhne als weitere Träger des mit neuem Glanze umflossenen Namens besaßen. Ein lebhafter Kampf erhob sich um das neue Gesetz, das unter dem bescheidenen Namen der „Schulunterhaltung" tatsächlich beinahe das ganze preußische Volksschulwesen auf konfessioneller Grundlage organisierte. Mit gewollt irrtümlicher Anwendung eines Verfassungsparagraphen wurde dabei der ausschließlich „christliche" Charakter des Staates betont. Die Folge davon war eine tiefeinschneidende Zurückdrängung der jüdischen Volksschule und der jüdischer: Lehrer, deren Stand geradezu auf den Aussterbeetat versetzt wurde, und eine Entrechtung der jüdischen Gemeinden und der Rabbiner auf dem unterrichtlichen Gebiet. Der Verband der deutschen Juden trat durch Denkschriften, Petitionen und persönliche