Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Der Weiberfeind
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113875--2509-3114137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
248 Und dies sei dein Wahrzeichen: Das erste Jahr wird in Weh' verstreichen. Im zweiten wirst du dem Bettler gleichen! Du warst ein Fürst, jetzt wirst du Knecht, Trägst statt der Krön' ein Strohgeflecht; Ja, unter Sklaven hinab sollst du steigen. Unwürdig, mir das Wasser zu reichen." — Wie diese Worte drangen in Serach's Ohr, Ein Wehgeschrei stößt er hervor; Ein Jsraelite soll Sklave werden? Und gibt's für ihn keinen Erlöser auf Erden? Die Diener, die Gemeinen, Als Herr'n über Grafen und Fürsten erscheinen? Und über die Häupter, zum Herrscher geboren, Erdehnen sich die durchbohrten Ohren?*) Und er begann sein Lied und sang: „IhrWolken, ihr traurigenHügel, weint mit mir als Schmerzgefährten! Ein Freier, in Wonnen erzogen, soll Sklave von Sklaven werden? —" Und auf's Neue begann er und sang: „Zwei Dinge sind bitter, vor ihnen verwarn' ich die Menschheit laut: Ein Kluger, dem Weibe verdungen, ein Weiser, der Toren vertraut." Da sprach sein Weib: „Hinweg die Lieder! Erhebe deine Stimme nicht wieder! Mit Lied und mit Sinnspruch laß mich in Ruh! — Ich liebe Brot und Fleisch dazu! — Auf deinen Singsang zu achten, fällt mir nicht ein; Ich mag' ihn nicht einmal beim Wein. Meinst du, man nehme ein Weib Nur so zu Geschwätz und Zeitvertreib? Auf, nimm dir Schaufel und Hacke, Nebst Boden und Hirtensacke Und lauf' den ganzen Tag in der Stadt herum; Magst.stehlen, plündern, falsch schwören —ich scheer mich nichts darum. Schafft du nur brav Nahrung für die deinen. Vor meinem Antlitz darf man nicht leer erscheinen! *) Bild für Knechte, denen man das Ohrläppchen durchbohrte. 2. B., M. 21, 6.