Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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194 zu bent Arzt sich wendend hinzu, „foppt mich der Moses ins Wirtshaus, wo keine Christenseele nach mir fragt, und stört mich in der Arbeit. Was halten Euer Wohlgeboren," fuhr er nach einem raschen Blick auf die Kranke fort, „von ein paar Blutegeln?" „Du bist berauscht," war die Antwort, und einige Minuten nachher vernahm man in der Stube das Rollen der Britschka, die den Heilkünstler entführte. Und während der mitleidige Jude sich um das kranke Weib bemüht, ihr von den Tropfen einslößt, die ihr gewiß Ruhe bringen sollten, wendet sich. Jakob ab, holt seine Geige vom Kasten und beginnt zu spielen. Dann, während der Sargmacher spielt und die arme Frau in einen wohltätigen Schlaf versunken ist, sitzt der Jude auf Jakobs Hobelbank und mit wehmütigem Entzücken hängt sein Auge an der geliebten Geige, horcht er den süßen Tönen des Instruments. Seine Augen füllen sich mit Tränen, wenn er sie hört und er ist nicht imstande, sich von dem Klang der geliebten Geige zu trennen. Mittlerweile ist es dunkel geworden in der Stube, Jakob legt die Geige wieder in den Kasten und sachte schleicht Moses hinaus in die Nacht . . . In dieser Nacht war Marja gestorben und gar eilig mußte Jakob an die Arbeit gehen, um den Sarg noch rechtzeitig zur Beerdigung fertig zu machen. Dann war das Begräbnis. Mit dem Sarge sehr zufrieden, begiebt sich Jakob auf den Heimweg; er ist unschlüssig, soll er allein in die einsame Stube nach Hause, aus der man vor einer Stunde die Tote hinweggetragen, oder wäre es besser ins Wirtshaus zu gehen und dort seinen schwarzen Gedanken eine andere Richtung zu geben?