Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Wirklich. Ich bin tief überzeugt, daß jetzt kein Teufel mich aus Petersburg mehr ausjagen kann, kein Schutzmann das Recht hat, sich um meine Geschäfte zu kümmern, mich auszufpionieren, wohin ich auch gehe und was ich tue, ob ich neue Schuhe mache oder alte Stiefeln auf dem Markte verkaufe." „Es ist nicht richtig, Schlojme." „Was denn?" „Es ist nicht richtig, in religiösen Dingen zu betrügen." „Das ist nicht meine Schuld." „Wessen denn?" „Es ist die Schuld der Verhältnisse, die mich zwingen, so zu handeln." „Wer zwingt Dich? Kein Mensch schleppte Dich in die Kirche." „In die Kirche nicht, das ist wahr, aber auf das Polizeiamt schleppte man mich oft genug, und ich verstand, wenn ich in die Kirche gehen werde, wird mich die Polizei in Ruh' lassen. Wenn Menschen wollen, daß man sie nicht betrüge, so müssen sie es so einrichten, daß es keinen Unterschied gebe zwischen jenen, die in die Kirche, und diesen, die in die Synagoge gehen. Dann wird ein Mensch den anderen nicht betrügen." „Und wie steht es mit Gott? Du glaubst doch an Gott?" „Natürlich, wer glaubt nicht an Gott!" „Wie denkst Du Dir das?" „Gott kennt die Gedanken und Gefühle des Menschen. Er weiß, ich habe es getan, nicht um ihn zu beleidigen, sondern um die Möglichkeit zu haben, meine Kinder zu ernähren, die er mir gab. Es ist schlimm genug, aber was konnte ich tun? Ich habe mich so lange abgequält und abgehetzt; ich bin doch kein Held, nur ein elender Mensch, und Gott kann nicht von mir fordern, daß ich jeden Tag, jede Stunde und Minute Heldentaten ausführe. Wir Juden hatten viele Märtyrer, die für ihren Glauben im Feuer starben; aber auch sie haben es nur einmal im Leben getan. Es ist sehr möglich, daß ich