Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gestalten aus dem Osten
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113874--2422-3114051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 In diesem schmutzigen und feuchten Loch lebte Schlojme mit einem Haufen Von Kindern, welche man nur anzusehen brauchte, um zu wissen, daß etwas Essen für sie höchst wichtig wäre. Seine Frau, eine große abgemagerte Jüdin, hatte ein leidendes Gesicht und sah wie ein Schatten aus. Sie bewegte sich automatisch und machte den Eindruck eines Menschen, für den alles im Leben zu Ende ist, und dem es vollständig gleichgültig ist, was auch sei und komme. Schlojme war ein Schuster, und wie es schien, kein guter Handwerker. Nachdem er lange genug in einem Städtchen im Nord-Westen gehungert hatte, kam er, Gott weiß, mit welchen Mitteln, nach Petersburg, in der Hoffnung, hier nicht mehr zu hungern. Aber er hatte sich geirrt. Drei Jahre wohnte er nun schon in Petersburg, und konnte noch immer nicht dazu kommen, sich ein Schild zu kaufen. Er mußte sich damit begnügen, daß er zwei, aus Papier geschnittene Stiefel, in sein Fenster stellte. Er hatte keinen Gesellen, arbeitete allein und hatte fast nur Reparaturen. Er behauptete, deswegen keine Bestellungen zu haben, weil er kein Geld besitze, um das nötige Material zu kaufen. Ich würde nicht sagen, hätte er Stoff und alles Nötige, könnte er auch dann ein Paar ordentlicher Schuhe machen? Er hatte wahrscheinlich nicht viel zu tun, denn er kam sehr oft zu mir, um anzufragen, ob keine Arbeit da ist. Wenn er nun Geld.hatte, kaufte er bei den Tataren alte Schuhe, besserte sie aus und verkaufte sie wieder. Er war überhaupt ein sehr sonderbarer Mensch. Ich machte seine Bekanntschaft auf folgende Weise: Ich hatte Schuhe, die man ausbessern mußte. Man schickte natürlich zu einem Schuster, der in der nächsten Nähe wohnte. Das Mädchen kam bald zurück und sagte, der Schuster selbst sei gekommen und wolle mich sprechen. Ich ließ ihn rufen. Schlojme erschien. „Um was handelt es sich?" Er wollte nur wissen, ob ich ihm für seine Arbeit 60 Kopeken zahlen würde. Natürlich hatte ich nichts dagegen, um so mehr, als dies meiner Ansicht nach sehr