Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 treten, als sie staatlicherseits noch vielfachen Unterdrückungen ausgesetzt waren. In beständigen Schwankungen mußten sie sich jeden einzelnen Schritt auf diesem Wege förmlich erobern. Jeder reaktionäre Umschwung in Deutschland verhinderte ihr Fortschreiten. Da war es denn ein glückliches Zusammentreffen, daß in jener Zeit neben den großen Männern, die die Wissenschaft des Judentums in neue Bahnen lenkten und neben denen, die als religiöse Führer in einer Zeit allgemeiner Zerrissenheit und Verwirrung auf den Plan traten, zugleich auch ein Mann erstand, der sich das größte Verdienst um die Erweckung der Selbstachtung innerhalb des deutschen Judentums erworben hat. Es war dies Gabriel Rießer, dessen hundertsten Geburtstag wir in diesem Jahre feiern, und dessen Leben und Schaffen auf diesen Blättern in kurzen Umrissen erzählt werden soll. Aus einer alten ehrenfesten, durch eine große Geschichte, durch umfassende Gelehrsamkeit und fromme Pietät ausgezeichneten Familie stammt Gabriel Rießer. Wer erinnert sich nicht der liebenswürdigen Gestalt der alten jüdischen Frau in der Novelle von Aron Bernstein, die im Streite mit ihrer Nachbarin einmal empört ausruft: „Wir sennen von königlichem Geblüt!" Auch Gabriel Rießer durfte sich gleicher Ehre rühmen. Auch er durfte als einen - seiner Ahnen jenen im 16. Jahrhundert lebenden Saul Wahl nennen, der einst, als die polnischen Fürsten in der festgesetzten Zeit sich über die Wahl eines Königs nicht zu einigen vermochten, der Sage nach um seiner trefflichen Herzens- und Geisteseigenschaften willen für eine Nacht mit der polnischen Königskrone geschmückt worden sein, und in dieser kurzen Spanne Zeit große Verdienste um seine Glaubensgenossen sich erworben haben soll. Die Krone der Gelehrsamkeit aber war schon lange in seiner Familie heimisch. Sein Großvater mütterlicherseits war Raphael Cohn, Rabbiner der drei Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbeck, der einst gegen Mendelssohn mit solcher Entschiedenheit aufgetreten ist. Ein strenger, aber gelehrter und rechtlicher Mann. Sehr