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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 109

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
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Date
1906-01-01
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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109 haben" und wenn ich das Schicksal des Judentums überschaue, betrachte ich stets sein gesamtes Leben als Ganzes. Das Bild, in welchem dieses Leben sich spiegelt, möchte ich in einigen charakteristischen Zügen zeichnen. Wie verhält sich das Problem der Judenheit zu jener großen, naturwissenschaftlichen Richtung, welche die zwei größten Geister unseres Zeitalters, der Naturforscher- Darwin und der auf naturwissenschaftlicher Basis stehende Philosoph Herbert Spencer, das Gesetz der „Evolution", der stetigen Entwicklung benannt haben? Nach biefem Gesetz entwickelt sich alles, was in der Natur lebt, die Pflanze, das Tier, der Mensch, die Gesellschaft, das Volk in der Weise, daß im Kampfe ums Dasein die Besten übrig bleiben. Wer sich den Zeitverhältnissen nicht anzupassen vermag, oder wer nicht im Stande ist, die Hindernisse, welche Zeit und Verhältnisse bieten, zu überwinden, der geht zu Grunde. So wählt die Natur selbst und ständig das aus, was der Erhaltung wert ist. Man muß nicht viel Worte machen, um zu beweisen, daß der lebende Organismus des Judentums die Auslese der Natur bestanden hat. Zeiten und Verhältnisse bezwingend, lebt heute das Judentum und hat gar manchen scheinbar stärkeren Organismus überlebt. Ich sehe eine Bestätigung der modernstell Theorie des „survival of the fittebt“, des Ueberlebens der Tüchtigstell darill, daß die Judenheit nicht blos lebte und war, sollderll noch lebt und ist. Jetzt gilt die Frage: Ist dieser Organisnlus allch weiter zuill Leben ilnd zur Elltwicklung geeignet? Die Art der Evolution bestillnnt bekanntlich Spencer in der Weise, daß die nicht mehr zusammenpassenden Jlidividuen sich absondern — differenzieren — und die abgetrennten Individuen gleicher Art in festen Zusammenschluß von ihrer frühereli Umgebung sich lloch schärfer abgrenzen, rlach seiner Ausdrucksweise: integrieren. Das, was wir iit dem Haushalte des täglichen Lebens beobachten, die fortschreitende Elltwicklung eines Berufes in der Weise, daß Individuen gleicher Tätigkeit, gleichen Berufes sich voll ben Uebrigen absondern, um sich sodann

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