Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5665
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111084-3113867--2271-3113907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IS Verhältnis seiner Bekenner zukämen. Andererseits ist der bekannte Redakteur und Schriftsteller Joseph Beczi, der seine Zugehörigkeit zum Judentum stets mit Stolz hervorgehoben hat, zum Ministerialrat ernannt worden. Wenn wir zu denjenigen Ländern übergehen, in denen der Grundsatz der religiösen Neutralität des Staates tadellos durchgeführt ist, so steht da an erster Stelle Holland. Hier ist in dem neuen liberalen Kabinett wiederum — früher bekleidete bekanntlich vr. Godefroi schon den hohen Posten — ein Jude, der Kronanwalt E. E. van Raalte, zum Justizminister ernannt worden; außerdem ist ein anderer sehr bekannter Jurist, Professor C. Asser, Minister ohne Portefeuille. Was sagt man dazu in Preußen, wo der Jude nicht einmal zum Landgerichtsdirektor oder Oberlandesgerichtsrat für würdig erachtet wird, auch wenn solcher von allen Kollegen und Vorgesetzten, ja von der gesamten juristischen Welt für einen wissenschaftlich und sittlich hochstehenden Rechtsgelehrten erklärt wird? Das sind eben wirklich zivilisierte Staaten. Es sind goldene Worte, die Präsident Loubet im letzten Frühjahr an den ihn begrüßenden Oberrabbiner von Bordeaux richtete: „Solange ich noch einen Lebensodem in mir habe, werde ich nicht aufhören, die Toleranz zu predigen, die Achtung aller religiösen und politischen Ansichten und den Frieden zwischen allen Staatsbürgern. Das ist das einzige Mittel, das unserem Vaterlande den Platz in der Welt behauptet, den es heute einnimmt." Die antisemitische Richtung im französischen Heere, eine Folge der Machenschaften der dortigen klerikalen Partei, hat Kriegsminister Andre mit fester Hand niedergedrückt und ausgerottet. Sein Nachfolger Berteaux hat den jüdischen Obersten Valabregue in dessen hoher und verantwortungsvoller Stellung als Kabinettschef im Kriegsministerium bestätigt. Es giebt jetzt in Frankreich nicht weniger als acht aktive jüdische Generäle, von denen einige eifrige Synagogenbesucher sind. Diesen Tatsachen auch nur ein Wort hinzrrzusügen, wäre überflüssig.