Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Immanuel Kant in seinen Beziehungen zum Judentum
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 35)
- Language
- German
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158 lieber Mendelssohns „Morgenstunden" äußerte sich Kant in keiner selbständigen Schrift, sondern nur in einigen Bemerkungen zu Ludwig Heinrich Jakobs „Prüfung der Mendelssohnschen Morgenstunden"*). Jakob erzählt im Vorwort zu dieser Arbeit über die Entstehungsgeschichte des Kantschen Aufsatzes**): „Als ich Herrn Prof. Kant meinen Entschluß, die „Prüfung der Mendelssohnschen Morgenstunden" herauszugeben, meldete und ich in meinem Briefe u. a. die Stelle in den Morgenstunden S. 116 erwähnte, hatte Herr Prof. Kant sogleich die Güte, mir eine Berichtigung dieser Stelle zu meinem Buche zu versprechen, welche er mir nachher in diesem Aufsatz, worin noch weit mehr enthalten ist, zusandte." Mit dieser Schilderung des Verkehrs der beiden edlen Denker mag die Darstellung von den Beziehungen Kants zu den Juden beschlossen sein. Für uns gilt, was einer der feinsten Kenner von Kants Philosophie, was Hermann Cohen anläßlich seines hundertsten Geburtstages gesagt hat, für alle Zeit: Nur dem Genius wollen wir danken, die Eigenart und die Selbständigkeit seines Geistes verehrungsvoll anerkennen. Alles Tiefe und Fruchtbare im ganzen Gebiete des Geistes hat seine Analogien, und eine innerliche Verwandtschaft verbindet alles Große. Dennoch aber bleibt es richtig, daß die Schöpferkraft des Genius eine Eigenart in allem Geistigen bildet. Je reiner sich in ihm die Idee der Menschheit verwirklicht, desto ursprünglicher ist und bleibt die Selbständigkeit des weltgeschichtlichen Individuums. Kants Gesetz der Sittlichkeit, seine Freiheit dieses Sittengesetzes und der höchste Inhalt, den er diesem Gesetze gab, dieJdee der Menschheit, diese ethischen Grundbegriffe sind die Leitsterne unseres religiösen Wesens. Sie sollen und sie werden immer leuchtender für uns werden. Das Gedächtnis des Weisen ist unvergänglich, weil sein Wirken kein Ende hat. *) Immanuel Kants kleinere Schriften, herausgegeben von I. H. von Kirchmann. Heidelberg 1882. Band VI. S. 129 ff. **) Leipzig 1786. S. XLIX.